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„Mein Kampf“ in Polen : Das Buch des Wahns zum hohen Sperrpreis

Eugeniusz Cezary Król hat „Mein Kampf“ ins Polnische übersetzt und kommentiert. Bild: AFP

Hitlers „Mein Kampf“ erscheint übersetzt und kritisch kommentiert in Polen. Es werde von heute an erhältlich sein, teilt der Verlag Bellona mit. Der Herausgeber und Zeithistoriker Eugeniusz Cezary Król hat schon die Goebbels-Tagebücher editiert.

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          Adolf Hitlers „Mein Kampf“ soll in dieser Woche in Polen erscheinen. Die erste Auflage ist – Gerüchten zufolge – seit einigen Wochen bereits gedruckt und wartet nur noch auf die Auslieferung. Damit können die Leser in dem Land, das 1939 das erste Opfer der deutschen Kriegspolitik und danach der Hauptschauplatz des Holocausts wurde, sich selbst ein Bild von „Ideen und Ressentiments des späteren Führers“ machen. Es scheint Bedarf zu geben: 2019 inszenierte bereits das „Teatr Powszechny“ (Allgemeines Theater) in Warschau „Mein Kampf“. Die Inszenierung steht vom kommenden Freitag an als kostenpflichtige Online-Aufführung wieder im Repertoire, umrahmt von alarmistischen Begleittexten der Theatermacher, die beklagen, dass „Faschismus und Nationalsozialismus wieder attraktive Ideologien geworden sind“.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Jetzt also das Buch. Der Mann, der es sich in den Kopf gesetzt und den Plan verwirklicht hat, Hitlers autobiographische und programmatische Schrift zu übersetzen und mit einem umfassenden Vorwort und 2000 Anmerkungen zu versehen, ist Eugeniusz Cezary Król. Der Warschauer Zeithistoriker hat bereits die Goebbels-Tagebücher herausgegeben. Zeitweise leitete er die Zweigstelle der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN) in Berlin. Król – Verwandte von ihm waren im Krieg Zwangsarbeiter, ein Onkel fiel einer Erschießung von Zivilisten in Warschau zum Opfer – erläutert seine editorische Unternehmung gern.

          Sperrpreis von mehr als 30 Euro

          Die wissenschaftliche Ausgabe sei überfällig gewesen, zumal in den neunziger Jahren in Polen bereits zwei stark gekürzte Raubdrucke erschienen waren. Gegen einen hatte damals der Freistaat Bayern als Inhaber der Rechte an dem Buch geklagt, um die Verbreitung zu verhindern; die polnische Polizei beschlagnahmte daraufhin in Buchhandlungen Exemplare, und der Verleger wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2016 sind die Rechte ausgelaufen; damals erschien die deutsche kritische Ausgabe. Die polnische Edition, sagen Król ebenso wie der Verlag Bellona, werde mit 149 Złoty einen für das Massenpublikum schwer zu überwindenden „Sperrpreis“ haben.

          Der Historiker sieht, wie auch der Chef des früher dem Verteidigungsministerium gehörenden Verlags „Bellona“, Zbigniew Czerwiński, die Edition als Mahnung – „das Buch illustriert, wie schnell ein demokratisches System demontiert werden kann“. Als Król die Übersetzung in Angriff nahm, war er noch Chef des Instituts für Politische Studien der PAN. Er kandidierte 2016 für eine weitere Amtszeit, verlor jedoch die Wahl. Der Verlag hielt an dem Projekt fest. Im Vorwort hat Król festgehalten, dass es vor 1939 in Polen „leider so gut wie keine Debatte über dieses Werk gegeben hat“. Nur wenige Zeitgenossen hätten damals darauf Bezug genommen und vor Hitler gewarnt. Ob mehr Wachsamkeit gegenüber den Nazis Polen in seiner ausweglosen Lage zwischen Hitler und Stalin wirklich geholfen hätte, könnte man an dieser Stelle Król als Frage entgegenhalten.

          Sondierungen in Paris

          Der Historiker kennt die Zwischenkriegszeit: Er erinnert an die Sondierungen des polnischen Staatschefs Piłsudski von 1933 in Paris, ob Frankreich zum gemeinsamen Präventivschlag gegen das Dritte Reich bereit sei. Paris zeigte bekanntlich die kalte Schulter. „Doch die Sondierungen sind bis nach Berlin durchgesickert und haben in gewissem Sinne ihren Zweck erfüllt“, sagt Król, „nämlich dazu beigetragen, dass Berlin und Warschau 1934 eine auf zehn Jahre befristete Nichtangriffserklärung unterschrieben haben.“

          Zurück zum Buch: Es enthält – anders als die deutsche kritische Edition – Hitlers eigenes Sachregister, dazu ein von Król erstelltes Personenregister. Leser im Osten Europas dürfte interessieren, was der Autor über ihre Länder dachte. Fehlanzeige: In Hitlers Kopf gab es im Osten nur Russland. Einmal spricht er im Buch von „Russland und den ihm untertanen Randstaaten“. Was mag er damit gemeint haben? Finnland, die baltischen Staaten, Polen und Rumänien waren schon damals unabhängig und Moskau alles andere als untertan. Meinte er die Ukraine? Król kommentiert, das bleibe unscharf, wie so viele Stellen im Buch. „Vielleicht hatte Hitler damals auch noch keine genaue Vorstellung, wie die Eroberung von ,Lebensraum‘ im Osten vor sich gehen werde: im Krieg zusammen mit Polen gegen Russland oder eben ganz anders, wie es ja dann gekommen ist.“

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