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Hermann Kurzke : Thomas Manns Märchen vom Mann ohne Schlaf

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Thomas Mann Bild: picture-alliance/ dpa

So manches schätzt man erst, wenn es einem weggenommen wird, und kennt nicht seine Kostbarkeit, solange man es hat: In einem Essay schwärmt Thomas Mann verführerisch vom Schlaf.

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          Täglich mindestens einmal das Bewußtsein zu verlieren scheint schrecklich, und doch geschieht es und tut sogar wohl. Die Rede ist vom Schlaf, jenem metaphysischen Zaubertrank, von dem Thomas Mann in einem Essay so verführerisch schwärmt.

          Vielleicht hat er es schalkhaft selbst erfunden, jenes „Märchen vom Mann ohne Schlaf“, dessen Quelle nachzuweisen bisher nicht gelang, die Geschichte jenes workaholic, welcher der Geschäftigkeit mit so törichtem Eifer anhing, daß er dem Schlafe fluchte. Da gewährte ihm ein Engel die schreckliche Vergünstigung: Er nahm das physische Bedürfnis des Schlafes von ihm, er hauchte auf seine Augen, daß sie wie graue Steine in ihren Höhlen wurden und sich niemals mehr schlossen. Wie dieser Mann sein Verlangen bereut, was er ausgestanden als einzig Schlafloser unter den Menschen, wie er, ein trauriger Verdammter, sein Leben hingeschleppt hat, das ahnen wir voll Grauen und Mitgefühl und glauben gern, daß es eine Erlösung war, als endlich der Tod kam, endlich die Nacht, die so lange unzugänglich vor seinen steinernen Augen gestanden, ihn zu sich und in sich aufgenommen hatte.

          Stunden bewußtloser Wonne

          So manches schätzt man erst, wenn es einem weggenommen wird, und kennt nicht seine Kostbarkeit, solange man es hat. Der Schlaf ist eine Gnade, unerzwingbar wie das Lachen, das Weinen und das Träumen, ein Geschenk, das keinen Unterschied macht zwischen alt oder jung, fleißig oder faul, versklavt oder frei, vertrottelt oder klug, hungrig oder satt. Aus jedem Unglück kann der Schlaf erlösen, aber er schenkt sich wahllos auch dem Glücklichen. Er ist gleichmacherisch, ein Sozialist, er verhilft jedem täglich zu Stunden bewußtloser Wonne.

          Wachen und Schlafen sind wie Einatmen und Ausatmen. Schlafentzug heißt nur noch einatmen. Das Märchen vom Mann ohne Schlaf erinnert an eine gern verdrängte Gegebenheit: daß alles Leisten und Erwerben, Hasten und Jagen, Denken und Palavern angewiesen ist auf die allnächtliche Regression, in der man tatenlos, bewußtlos und sprachlos wie eine Pflanze ist.

          Ein Märchen muß ein Happy-End haben. Welch süßer Friede muß den Mann mit den steinernen Augen erfüllt haben, als der Tod ihm endlich die Lider schloß! Der Schlafentzug macht sogar den Tod wertvoll. Süßer Schlaf! Süßer Tod?

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