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Hergé-Ausstellung : Tim im Pantheon der Moderne

Tim und Struppi begeistern Paris Bild: AFP

Paris steht Schlange vorm Centre Pompidou: Die Werkschau von Hergé, dem Schöpfer von „Tim und Struppi“, ist die größte und gewiss erfolgreichste Comicausstellung, die Europa je gesehen hat. Von Andreas Platthaus, Paris.

          5 Min.

          „Das große Publikum von 7 bis 77 Jahren“ wünscht sich Bruno Racine, Direktor des Centre Pompidou in Paris. In diesen Wintertagen steht es vor der Tür - in einer endlosen Schlange, die sich über den Vorplatz bis in die angrenzenden Straßen zieht. Über dem Eingang, dem Ziel all der Wartenden, erstreckt sich ein Transparent sechs Etagen hoch bis zur Dachkante. Es zeigt eine startende rotweiß gewürfelte Rakete. Sie kennt in Frankreich jedes Kind und erst recht jeder Erwachsene: Mit ihr sind Tim und Struppi zum Mond geflogen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Diese Geschichte, erschienen 1950, ist die berühmteste aller französischen Comicerzählungen, und deshalb ist die erst kurz vor Weihnachten begonnene Ausstellung im Centre Pompidou schon jetzt ein Sensationserfolg. Ihr Titel lautet wie das Pseudonym des Schöpfers von „Tim und Struppi“: Hergé. Der 1907 als Georges Remi in Brüssel geborene und dort 1983 gestorbene Zeichner würde am 22. Mai seinen hundertsten Geburtstag feiern, und das Centre Pompidou eröffnet mit seiner Ausstellung ein Jubiläumsjahr, wie es Frankreich seit 1989 nicht mehr erlebt haben dürfte.

          Hergé ist ein Mythos

          Denn Hergé, das ist mehr als nur ein Autor, der allen Franzosen und Belgiern ihre liebsten Kindheitshelden geschenkt hat; mehr auch als nur ein Zeichner, ohne den die ganze europäische Comicgeschichte undenkbar gewesen wäre, nach dem gar eine ganze Stilrichtung, die „ligne claire“, benannt worden ist; mehr auch als nur ein Vermarktungsgenie, das aus seinen Figuren ein Multimillionenunternehmen gemacht hat; und mehr als nur einer der größten Abenteuererzähler des zwanzigsten Jahrhunderts: Hergé ist ein Mythos. Das verdankt sich zuallererst natürlich den Comics, aber auch seinem Leben, denn Georges Remi hat die möglichen Höhen und Tiefen eines Lebenslaufs bis ins Extreme ausgemessen.

          Klar, dass Tim auch auf dem Mond war

          Mit Anfang zwanzig wurde er bereits ein Star, als Tim und Struppi 1929 zu ihrem ersten Abenteuer in die Sowjetunion aufbrachen. Im deutsch besetzten Belgien des Zweiten Weltkriegs arrangierte sich Hergé mit der Zensur und veröffentlichte weiter, weshalb er nach der Befreiung kurzfristig festgenommen und als Kollaborateur mit einem Publikationsverbot belegt wurde. 1946 aber begründete er mit dem Magazin „Tintin“ (benannt nach dem französischen Namen von Tim) einen der größten Erfolge des französischen und flämischen Buchmarkts. Und heute wird er als ein Zeichner verklärt, der im Comic ohnehin nicht, und auch in der zeitgenössischen Kunst, kaum seinesgleichen hat. Nur konsequent also, dass die Pariser Werkausstellung im französischen Hohetempel der Moderne ausgerichtet wird.

          Mindestens sechsstellige Summen

          Das Centre Pompidou nutzt diese Gelegenheit, um gleichzeitig den Beginn einer eigenen Sammlung von Comicoriginalen zu verkünden. Erstes Objekt ist eine Seite aus „Der Fall Bienlein“, einem „Tintin“-Abenteuer von 1956, die die Fondation Hergé dem Museum gestiftet hat. Die Größe der Gabe mag daran ermessen werden, dass Hergé-Seiten, wenn sie denn überhaupt angeboten werden, mindestens sechsstellige Summen erzielen. So kann man sich auch vorstellen, was es heißt, wenn die Fondation Hergé, die sämtliche Objekte der Ausstellung bereitstellte, ein ganzes Album mit 124 Seiten im Original nach Paris ausgeliehen hat. Noch dazu ist es jene Geschichte, in der nach Meinung aller Leser der Stil von Hergé erstmals ausgeprägt zur Geltung kommt - grafisch wie erzählerisch. Es handelt sich um „Der blaue Lotus“ aus dem Jahr 1934.

          Diese 124 Seiten sind in einem eigenen Kabinett im Untergeschoss des Centre untergebracht. Wie eine ägyptische Grabkammer sind dessen Wände über und über mit den Zeichnungen geschmückt. Hier kann man sehen, wie Hergé von George McManus und dessen damals weltberühmtem Comicstrip „Bringing Up Father“ die Kunst der klaren Linie übernahm. Diese Feststellung ist nicht neu, und Amerikaner verweisen immer wieder gerne auf diese ästhetische Abhängigkeit des wichtigsten europäischen Comiczeichners. Sensationell aber ist die jähe Erkenntnis, dass Hergé binnen einer einzigen Geschichte eine Entwicklung vollzog, die in Amerika erst in den Folgejahren von Milton Caniff, dem großen Grafiker unter den Comiczeichnern, eingeleitet wurde. Dessen Serie „Terry and the Pirates“ entstand im selben Jahr wie „Der blaue Lotus“, doch bei Hergé finden sich bereits alle Elemente, für die Caniff später gefeiert werden sollte: die am Film orientierten Bildeinstellungen, die grandiose Tuschetechnik, die schließlich wieder Hollywood und dessen Schwarze Serie beeinflussen sollte, die exotischen Handlungsorte, der Realismus der Dekors - und die Einbeziehung aktueller Ereignisse in die Abenteuer. Hergé konzentriert im „Blauen Lotus“ ganze Jahrzehnte Comicgeschichte.

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