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Henry Kissingers neues Buch : China macht den Westen klüger

  • -Aktualisiert am

In Amerika für sein China-Buch sehr gescholten: Henry Kissinger Bild: AP

Amerika kritisiert das China-Buch seines ehemaligen Außenministers Henry Kissinger scharf. Unser Peking-Korrespondent kommt zu dem Schluss, dass die westliche Menschenrechtspolitik durchaus davon lernen kann.

          5 Min.

          Die gefühlte Weltordnung hat ihren Umbruch schon hinter sich. Mehrheiten in fünfzehn von zweiundzwanzig Ländern finden einer Umfrage des amerikanischen Pew-Instituts im vergangenen Monat zufolge, dass China die Vereinigten Staaten als führende Supermacht ablösen werde oder bereits abgelöst habe. Die Meinungen darüber sind geteilt: Während die wirtschaftliche Rolle Chinas von der Hälfte der Befragten außerhalb Europas überwiegend positiv beurteilt wird, findet seine wachsende militärische Bedeutung nur bei Jordaniern, Pakistanis und Palästinensern mehrheitlich Zustimmung. Andernorts stößt sie auf Unbehagen. Wie wird das sein, wenn sich die globalen Gewichte so massiv verschieben? Wird das ohne Konflikt, ohne Krieg abgehen?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auf diese dramatische Frage läuft das Buch eines Mannes hinaus, dessen geheime China-Diplomatie vor genau vierzig Jahren den Beginn jener Weltmarkt-Integration markierte, die die Volksrepublik zu ihrer jetzigen Stellung geführt hat: Henry Kissinger, heute 88 Jahre alt, skizziert dort das Risiko einer wachsenden Eskalation der Spannungen zwischen Amerika und China, das umso größer sei, als die wechselseitigen Konzepte von Abschreckung und Präventivschlägen nicht symmetrisch sind: „Früher oder später wird sich die eine oder die andere Seite verkalkulieren.“ Wie also müssten die Weltordnung und die leitenden Ideen der handelnden Akteure bei aller Kultur- und Interessenverschiedenheit beschaffen sein, um das zu verhindern?

          Das chinesische Paradigma als Vorbild

          Ein Großteil von Kissingers Buch „On China“ („China: Zwischen Tradition und Herausforderung“) besteht aus Erinnerungen an seine damalige Mission und an seine Begegnungen mit Mao und Tschou Enlai; doch man würde das Buch unterschätzen, wenn man es bloß der Memoirenliteratur zuschlagen würde.

          Treffen mit Mao im Oktober 1975 in Peking

          Seine Originalität erweist sich darin, dass da zum ersten Mal ein ehemals führender Politiker des Westens das chinesische Politikparadigma zur künftigen Gestaltung der Welt empfiehlt – nicht unbedingt das der Kommunistischen Partei, sondern eines, das Kissinger aus der chinesischen Tradition destilliert; aber er versucht doch selbst an vielen Beispielen zu zeigen, dass sich auch die Kommunisten von Mao bis Hu an das alte Muster halten.

          Das Werk ist in Amerika scharf kritisiert worden, vor allem mit zwei Argumenten: Zum einen sei es nur wieder ein Plädoyer für Kissingers altbekannte Vorstellung von „Realpolitik“, die sich bei ihren strategischen Planspielen vom Einsatz für Menschenrechte nicht stören lassen will. Und zum anderen gehe sein Versuch, eine überzeitlich gültige chinesische Art von Politik zu fixieren, in die klassische Kulturalismus-Falle und könne bei all seiner Faszination durch das „Andere“ die zahlreichen Inkohärenzen der faktischen chinesischen Politik nicht erklären.

          Beide Vorwürfe treffen zu und verfehlen doch die Tragweite des Perspektivwechsels, den das Buch bei all seiner Inkonsequenz zur Geltung bringt.

          Das Spiel geht nicht auf Sieg, sondern auf Einkreisung der Räume

          Inkonsequent ist natürlich, dass Kissinger noch nicht einmal zu erklären versucht, warum sich der Westen das chinesische, strategische Denken überhaupt zu eigen machen soll. Er nimmt es einfach als Autoritätsargument, dass eine so alte und jetzt wieder so erfolgreiche Kultur wie die chinesische durchgängig an der gleichen Weltsicht festgehalten habe. Zur typologischen Unterscheidung zieht er dabei das chinesische „Weiqi“-Spiel (im Westen unter seinem japanischen Namen „Go“ bekannt) heran, dem er das Schachspiel gegenüberstellt.

          Während Schach auf einen entscheidenden Sieg über den Gegner aus sei, im Grunde auf dessen schrittweise Beseitigung, komme es bei Weiqi bloß auf relative Vorteile an, die die Einkreisung leerer Räume gewähre.

          Doch der Identifizierung eines solchen Modells mit einem angeblichen chinesischen Wesen ist schon dadurch der Boden entzogen, dass China seit ältesten Zeiten ja auch eine Spielart des Schach kennt und liebt, das Xiangqi. Die real existierenden Chinesen sind der beste Gegenbeweis gegen Vorstellungen, die das Verhalten durch Abstraktionen wie „Kultur“ determiniert sehen.

          Noch fataler ist, dass Kissinger die Chinesen, die dem von ihm ausführlich rekonstruierten Modell folgen, als „scharfsinnige Vertreter der Realpolitik“ bezeichnet. Soll der ganze Aufwand, sich sympathisierend in China hineinzuversetzen, letztlich nur der Selbstbestätigung dienen, einer Abwehr jenes „missionarischen Exzeptionalismus“, als den er die seiner Meinung nach gefährliche amerikanische Menschenrechtspolitik kennzeichnet?

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