https://www.faz.net/-gqz-8gst2

Die rote Olivetti : Ich war der Jesus der achtziger Jahre

  • -Aktualisiert am

Die Goldenen Jahre, als Spesen keine Rolle spielten: Helge Timmerberg, Reisender, Journalist und Autor. Bild: privat/Piper Verlag

Der Schriftsteller und Journalist Helge Timmerberg hat ein Buch über sein Leben geschrieben. Ein Trip nach Wien – und in die Vergangenheit des deutschen Journalismus.

          6 Min.

          Der Schriftsteller und Journalist Helge Timmerberg hat ein Buch über sein Leben geschrieben, von dem man einiges lernen kann. Es zu lesen bedeutet nicht nur, mehrmals um die ganze Welt zu reisen, das war in seinen früheren Geschichten und Büchern auch schon so. Nein, die „Die rote Olivetti: Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja“ bringt einen darüber hinaus an einen sagenhaften Ort, zu dem keine Airline fliegt: in die Vergangenheit des deutschen Journalismus.

          Es müssen im wahrsten Sinn des Wortes goldene Jahre gewesen sein. Dort existieren gut genährte Regionalzeitungen, bei denen mittags Feierabend gemacht wird und in die der junge Timmerberg einfach mal hineinspaziert, weil ihm in Indien eine Stimme befohlen hat, Journalist zu werden. Bald darauf schreibt er für den „Stern“, der unter seinem Chef Henri Nannen doppelt so viele Geschichten produzieren und bezahlen lässt wie später ins Heft kommen. („Es war eines der besten Magazine der Welt, und das Beste waren die Honorare“, so Timmerberg. „Das Zweitbeste am ,Stern‘ waren die Spesen. Sie spielten keine Rolle.“)

          Auf den Spuren von Hunter S. Thompson

          Die Lektüre von Hunter S. Thompsons „Fear and Loathing in Las Vegas“ legt bei Timmerberg endgültig den Schalter um, er schreibt über das, was er sieht, hört, fühlt, er ist subjektiv und hedonistisch, er tut, was ihm Spaß macht. Für den neu gegründeten deutschen „Playboy“ („Was Männern Spaß macht“) steht er einen Monat auf der Reeperbahn vor einem Striplokal, um Kunden hereinzulocken (vergeblich), für das 1986 ebenfalls neu gegründete Magazin „Tempo“ recherchiert er drei Monate lang eine Reportage über Pornos, fliegt mit Beate Uhse in ihrer Cessna über Norddeutschland und fragt sie zwischen zwei Luftlöchern, was sie dazu sagen würde, wenn ihre drei Enkelinnen vor die Kamera treten wollten. Antwort Uhse: „Natürlich würde ich ihnen dabei helfen, warum denn nicht?“

          Es sind die achtziger Jahre, die der 64-jährige Timmerberg wiederauferstehen lässt, „das amerikanische Jahrzehnt“. Ein Jahrzehnt, in dem der Journalismus ichfixierter wurde, aber auch interessanter und anarchischer, eine Zeit, die ohne Computer auskam und in der Printmedien keinerlei Konkurrenz fürchten mussten, wenn es um Anzeigen ging.

          Timmerberg an der roten Olivetti
          Timmerberg an der roten Olivetti : Bild: Privat

          Die rote Reiseschreibmaschine, nach der dieses Buch benannt ist, ist sozusagen das technische Emblem dieser prädigitalen Zeit, die auch ihre Schattenseite hatte. Etwa, wenn Timmerberg mit einem schwindenden Honorarvorschuss in Indien sitzend nur hoffen konnte, dass Manuskript und angefügte Rechnung rechtzeitig in der Redaktion eintrafen, bevor er anfing zu hungern. Dazu gab es bald immer weniger Anlass. Die „Bunte“ zahlte Timmerberg für seine bekifft verfassten Boulevardtexte 30 000 Mark im Monat, bis er München nicht mehr aushielt und nach Havanna zog. Dort schrieb er in den neunziger Jahren, im Hotel wohnend, weiter für die „Bunte“ und deutsche Zeitschriften und verdiente extrem gut. Warum er das so detailliert aufschreibt? Er wollte, so Timmerberg in seinem Buch, nicht angeben, sondern „meinen jungen Kollegen der Gegenwart erläutern, was Mitte der Neunzigerjahre im Journalismus möglich war. Ich will, dass sie weinen.“

          Sie weinen bitterlich. Und wollen dann noch mehr hören. Auf nach Wien also, wo Timmerberg heute wohnt. Einigermaßen unausgeschlafen kommt der ins „Café Korb“ im ersten Bezirk. Er hat hier schon lange eine Wohnung, ansonsten lebt er in der Schweiz, in St. Gallen. Es geht ihm wieder gut. Nach seiner Zeit auf Kuba erlebte er einige schwierige Jahre. Die „Bunte“ feuerte ihn, die Magazine wurden geiziger, und in einem Alter, in dem andere Pilates machen, warf er sich ins Nachtleben. Timmerberg stürzte ab.

          Reise nach Nepal

          „Ich ging“, schreibt er, „als Profi in das Ecstasy hinein und ging als Penner wieder hinaus.“ Es war eine Reise nach Nepal Anfang des vergangenen Jahrzehnts, die ihn wieder auf die Beine brachte. Sie bildet den Abschluss von „Die rote Olivetti“, das eine große Leerstelle hat: Familie. Timmerbergs Kinder tauchen nicht auf, ebenso wenig wie seine Ex-Frau.

          „Die Offenheit, mit der ich über mich selbst schreibe“ sagt er, „ist für fast alle anderen Leute, die ich kenne, unvorstellbar. Früher habe ich für eine gute Geschichte auch das Ende einer Freundschaft riskiert, aber jetzt, wo ich älter bin, würde ich das nicht mehr. Das ist das eine. Und dann ist das Persönlichkeitsrecht heftiger geworden, das war in den achtziger Jahren nicht so. Du kannst gegen alles klagen.“

          Mit dem Journalismus hat er abgeschlossen, Timmerberg schreibt jetzt Bücher. Reisebücher. Diesen Monat noch soll es wieder auf Tour gehen. Erst mal nach Istanbul und dann nach Indien, wie schon mit siebzehn und wieder mit dreißig. Oder vielleicht doch nach Russland, wo er noch nie gewesen ist. Seine Freundin spricht die Sprache, es wäre eine gute Gelegenheit, und ein Auto hat er auch: Sein Vater hat ihm einen Mercedes vermacht und zwei letzte Worte: „Bon Voyage!“

          Ohne Führerschein

          Es ist ein perfekter Plan, der einzig am Fortschritt scheitern könnte. „Der Benz ist zu neu für die Indien-Route“, erklärt Timmerberg später in seiner Schreibwohnung, unter einer Wandkarte des alten Orients. „So einen neuen Wagen können die im Iran oder in Indien nicht reparieren, dafür braucht man spezielles Werkzeug.“ Vorbei sind die Zeiten, als man Ersatzteile für Lastwagen einfach schmieden konnte, wie für den zum Beispiel, in dem der minderjährige Helge Timmerberg im Auftrag eines Autohändlers durch Iran fuhr. Ohne Führerschein.

          Timmerberg hat schon den Vertrag für die zwei nächsten Bücher auf dem Schreibtisch. Eins davon soll ein Roman werden. Zweimal hat er es mit Fiktion versucht, zweimal ist er nicht über die ersten Kapitel hinausgekommen. Der ehemalige Piper-Verleger Marcel Hartges konnte mit der Geschichte nichts anfangen, seine Nachfolgerin Felicitas von Lovenberg dagegen schon. Trotzdem wirkt Timmerberg, als stünde er vor einer großen Herausforderung. Dass das Ende nicht bekannt ist, ist eine Eigenart fiktionaler Bücher, die ihm offensichtlich Schwierigkeiten bereitet. Der Autor, der das Unvorhersehbare beim Reisen eher willkommen heißt, plant sein Schreiben gern.

          Zum ersten Mal ohne Kiffen schreiben

          Und noch etwas ist anders als sonst. Zum ersten Mal seit vierzig Jahren wird Timmerberg nüchtern schreiben. Kiffen macht leider die Texte besser, verschafft ihm den schlafwandlerischen Sound, sorgt für das richtige Wort an der richtigen Stelle; Timmerberg spricht von „enormen Anforderungen, die Gras ans Schreiben stellt“. Ob es trotzdem geht? Seit Monaten hat er nichts geschrieben, musste Bücher bewerben, Lesungen machen, Interviews geben, im Fernsehen auftreten. Aber was heißt, er musste: er will. Erzählen ist sein modus operandi, fällt ihm leicht wie Atmen und Rauchen.

          Die vielen Lesungen helfen beim Schreiben, sagt Timmerberg, weil man versteht, welche Textstellen beim Publikum funktionieren und welche nicht. Die Story mit dem Gold, dem Krokodil und dem Jaguar zum Beispiel, die wollen sie immer wieder hören.Timmerberg erzählt sie jetzt gern noch einmal, obwohl ich sie schon gelesen habe im neuen und im nicht ganz so neuen, aber tollen Buch mit dem bescheuerten Titel „Der Jesus vom Sexshop“. Sie heißt „Gold im Amazonas“ und spielt im menschenleeren Dreiländereck von Brasilien, Kolumbien und Venezuela, wo das Gesetz eine funktionierende Pistole ist und Gold die einzige Währung.

          Mit einem Fotografen begleitetete Timmerberg brasilianische Goldsucher bei ihrer wochenlangen Reise ins Herz des Dschungels, wo man nie die Sonne sieht. Einmal trat er versehentlich auf ein Krokodil, ein anderes Mal verirrte er sich mit ein paar anderen Unbewaffneten im Dschungel und wehrte sich mit Topfschlagen und Geschrei gegen einen menschenfressenden Jaguar, der sie nachts angriff.

          Aufgeschrieben hat er das erst Jahre später, weil er es der Zeitschrift „Geo Saison“ damals als Reisegeschichte angeboten hatte. Also als etwas, das der Leser nachreisen kann, und Timmerbergs Eintauchen in den Dschungel mit bewaffneten Desperados, verfolgt von der venezolanischen Armee und Raubtieren: ist definitiv nichts zum Nachreisen. Als der Autor irgendwann schwer krank wurde, trugen ihn zwei bezahlte Indios auf einer selbstgebauten Trage durch den Dschungel, weil er sonst, so die Goldgräber, einfach gestorben wäre. Um sich später wieder an all die Details zu erinnern, kiffte Timmerberg. Gras half ihm, sich an Orte zu beamen, die weit, weit weg waren. „Ich war traurig, als die Geschichte geschrieben war“, sagt er, „weil ich den Wald verlassen musste.“

          Der Wald, der einen verschluckt, ist natürlich auch ein Symbol für die Welt, in der man als Reisender verschwindet. Früher. Wenn man vor dreißig Jahren nach Indien fuhr, sagt Timmerberg, dann war man weg. Nicht erreichbar. Weg. Das vermisst er.

          Noch eine Zigarette. Der Plüschtiger in der Ecke des Raums hat funkelnde Glasaugen. Mit einem Mal kommt beim Besucher der Wunsch auf, weit wegzufahren und erst dann zurückzukommen, wenn er völlig pleite in einem Hotel in Brasilien sitzt und mit Haarspray und Streichhölzern die Kakerlaken in Schach hält. Alles erscheint besser, als über die AfD nachzudenken, über TTIP, Trump und „Game of Thrones“. Bei Timmerberg erfährt man nichts darüber, was angeblich gerade wichtig ist. Dafür kann er viel über LSD erzählen und über selbstbewusste, schöne Frauen. Ein deutscher Journalist darf nicht einfach so vom Hintern einer brasilianischen Kokaindealerin (oder eines Kokaindealers) schwärmen, deshalb ist der deutsche Journalismus heute auch so fad. Und mit Geld wird auch nicht mehr um sich geschmissen.

          Man sitzt vor dem erzählenden Timmerberg wie vor dem Abgesandten einer untergegangenen Epoche. Einer Zeit, in der ein Siebzehnjähriger mit fünfhundert Mark in der Tasche nach Indien aufbrechen konnte, per Anhalter. Einer Zeit, in der ein junger Mensch einen Job bei einer Zeitung bekam, einfach, indem er hineinspazierte. Und man weiß: die Achtziger sind von heute so weit entfernt wie die Achtziger vom Ende des Zweiten Weltkriegs.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Ko-Vorsitzenden Habeck und Baerbock am Montag in der Bundespressekonferenz

          Nach F.A.Z.-Informationen : Grüne wollen Habeck als Vizekanzler

          Mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin sind die Grünen an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert. Nun ist nach Informationen der F.A.Z. klar: Wird die Partei Teil der nächsten Bundesregierung, will sie Robert Habeck zum Vizekanzler machen.

          Wer koaliert mit wem? : Der Wähler als Humorist

          Alle haben verloren, tun aber so, als hätten sie gewonnen: Um die Koalitionsgespräche zu analysieren, braucht es Spieltheoretiker und keine Politologen.
          Olaf Scholz muss um eine Ampelkoalition kämpfen – auch gegen Strömungen in der eigenen Partei.

          Kommt die Ampel-Koalition? : Scholz und die irrlichternden SPD-Linken

          Olaf Scholz braucht für eine Ampel die FDP. So ganz scheint man dies in der SPD-Linken aber noch nicht verstanden zu haben. Auch die Überlegungen, die Grünen seien natürlicher Koalitionspartner, könnten sich als voreilig erweisen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.