https://www.faz.net/-gqz-8gst2

Die rote Olivetti : Ich war der Jesus der achtziger Jahre

  • -Aktualisiert am

Die vielen Lesungen helfen beim Schreiben, sagt Timmerberg, weil man versteht, welche Textstellen beim Publikum funktionieren und welche nicht. Die Story mit dem Gold, dem Krokodil und dem Jaguar zum Beispiel, die wollen sie immer wieder hören.Timmerberg erzählt sie jetzt gern noch einmal, obwohl ich sie schon gelesen habe im neuen und im nicht ganz so neuen, aber tollen Buch mit dem bescheuerten Titel „Der Jesus vom Sexshop“. Sie heißt „Gold im Amazonas“ und spielt im menschenleeren Dreiländereck von Brasilien, Kolumbien und Venezuela, wo das Gesetz eine funktionierende Pistole ist und Gold die einzige Währung.

Mit einem Fotografen begleitetete Timmerberg brasilianische Goldsucher bei ihrer wochenlangen Reise ins Herz des Dschungels, wo man nie die Sonne sieht. Einmal trat er versehentlich auf ein Krokodil, ein anderes Mal verirrte er sich mit ein paar anderen Unbewaffneten im Dschungel und wehrte sich mit Topfschlagen und Geschrei gegen einen menschenfressenden Jaguar, der sie nachts angriff.

Aufgeschrieben hat er das erst Jahre später, weil er es der Zeitschrift „Geo Saison“ damals als Reisegeschichte angeboten hatte. Also als etwas, das der Leser nachreisen kann, und Timmerbergs Eintauchen in den Dschungel mit bewaffneten Desperados, verfolgt von der venezolanischen Armee und Raubtieren: ist definitiv nichts zum Nachreisen. Als der Autor irgendwann schwer krank wurde, trugen ihn zwei bezahlte Indios auf einer selbstgebauten Trage durch den Dschungel, weil er sonst, so die Goldgräber, einfach gestorben wäre. Um sich später wieder an all die Details zu erinnern, kiffte Timmerberg. Gras half ihm, sich an Orte zu beamen, die weit, weit weg waren. „Ich war traurig, als die Geschichte geschrieben war“, sagt er, „weil ich den Wald verlassen musste.“

Der Wald, der einen verschluckt, ist natürlich auch ein Symbol für die Welt, in der man als Reisender verschwindet. Früher. Wenn man vor dreißig Jahren nach Indien fuhr, sagt Timmerberg, dann war man weg. Nicht erreichbar. Weg. Das vermisst er.

Noch eine Zigarette. Der Plüschtiger in der Ecke des Raums hat funkelnde Glasaugen. Mit einem Mal kommt beim Besucher der Wunsch auf, weit wegzufahren und erst dann zurückzukommen, wenn er völlig pleite in einem Hotel in Brasilien sitzt und mit Haarspray und Streichhölzern die Kakerlaken in Schach hält. Alles erscheint besser, als über die AfD nachzudenken, über TTIP, Trump und „Game of Thrones“. Bei Timmerberg erfährt man nichts darüber, was angeblich gerade wichtig ist. Dafür kann er viel über LSD erzählen und über selbstbewusste, schöne Frauen. Ein deutscher Journalist darf nicht einfach so vom Hintern einer brasilianischen Kokaindealerin (oder eines Kokaindealers) schwärmen, deshalb ist der deutsche Journalismus heute auch so fad. Und mit Geld wird auch nicht mehr um sich geschmissen.

Man sitzt vor dem erzählenden Timmerberg wie vor dem Abgesandten einer untergegangenen Epoche. Einer Zeit, in der ein Siebzehnjähriger mit fünfhundert Mark in der Tasche nach Indien aufbrechen konnte, per Anhalter. Einer Zeit, in der ein junger Mensch einen Job bei einer Zeitung bekam, einfach, indem er hineinspazierte. Und man weiß: die Achtziger sind von heute so weit entfernt wie die Achtziger vom Ende des Zweiten Weltkriegs.

Weitere Themen

Wird 007 eine Frau? Brodelnde Gerüchteküche um James Bond Video-Seite öffnen

Filmpremiere : Wird 007 eine Frau? Brodelnde Gerüchteküche um James Bond

Wer folgt Daniel Craig als James Bond im Geheimdienst Ihrer Majestät? Selten wurde einer Entscheidung in der Filmwelt mehr entgegen gefiebert als dieser. Mit dem lang ersehnten Start von Craigs wohl letztem 007-Abenteuer "Keine Zeit zu sterben" brodelt auch die Gerüchteküche wieder.

Topmeldungen

Hatte einmal mehr keinen leichten Tag: Armin Laschet

Laschet und die Union : Machtprobe

Ein turbulenter Tag für die Union: CSU-Chef Söder spricht Scholz die besten Chancen aufs Kanzleramt zu – und Laschet verhindert eine Kampfkandidatur in der Fraktion.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.