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Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ : Glauben, lieben, hassen

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Sie zaubert Dialoge wie Mamet, schwärmt von einer Welt jenseits dieser Welt wie Kerouac, halluziniert so sadistisch wie de Sade - und ist am Ende dann doch Helene Hegemann, die ein Deutsch schreibt, das es noch nie gab: suggestiv wie Sowjetpropaganda, himmlisch rhythmisch, zu Hause in der Hoch- und Straßensprache und so verführerisch individuell, dass ab morgen bestimmt hundert andere deutsche Schriftsteller - manche sogar gegen ihren Willen - den Hegemann-Sound nachmachen und dabei natürlich absolut scheitern werden. Wie Hegemann die Schussfahrt einer ganzen - halb echten, halb erfundenen - Lost Generation ins tiefe Tal des Gewaltsex, des schlechten Drogen- und Alkoholrauschs, des Horrorfilm-Wahnsinns, der masochistischen Schlaflosigkeit beschreibt, wie sie Mifti und ihre Mitte-Bande bei ihrem lächerlich defätistischen Kampf gegen die Egoistenwelt der Alten zeigt, hat die Überzeugungskraft jeder großen, kaputten, idiosynkratischen, seherischen literarischen Phantasie. Sollte das Leben der Jugend noch nicht so schrecklich sein wie bei Hegemann - nach diesem Buch wird es das sein.

Wir sind immer noch Kinder

Kommen wir jetzt zur Moral dieses Buchs, reden wir über die Schuld der Erwachsenen, in der Literatur und in der Wirklichkeit. Sie - auch das lernt man bei Hegemann - verraten ihre Kinder noch mehr als alle Erwachsenen davor. Sie erfinden für sie das Internet, verrückte Drogen, den Pisa-Schock, Tierpornos und „Germany's Next Topmodel“ und lassen sie dann, viel zu sehr von der eigenen Wohlstandverwahrlosung und Luxusdepression beeindruckt, mit diesem trostlosen, gemeinen, extremkapitalistischen Schwachsinn und ein paar überforderten Lehrern und Psychologen allein.

Wir sind immer noch Kinder, sagt Helene Hegemann, aber ihr wollt, dass wir uns so gut mit Analsex, der Nouvelle Vague und Krebsängsten auskennen wie ihr, und ihr schämt euch noch nicht einmal. Irgendwann, als es ihr in ihrer Verlassenheit fast schon so schlecht geht wie ihrer Mutter kurz vor ihrem Tod, kauft sich Mifti ein Axolotl und schleppt es als exotischen Teddy in einer mit Wasser gefüllten Plastiktüte durch Berlin. Das Axolotl ist ein kleiner, süßer, ein bisschen dämlich aussehender mexikanischer Salamander, der sein ganzes Leben als Larve - als Teenie sozusagen - verbringt. Eigentlich hasse ich Metaphern, aber diese liebe ich. Und wenn ich nicht selbst immer so viel mit mir beschäftigt wäre, würde ich Mifti mit ihrem Axolotl zu mir nach Hause einladen und gerne ein paar Kapitel lang ihr Papa sein.

Du bist Abschaum, Schatz

Und hier, in kindlermäßigem Express, Miftis kurze, traurige, unvergessliche Geschichte noch schnell zu Ende erzählt: Ein Jahr, bevor wir sie treffen, hat sie sich in Alice verliebt, 46, DJ, lässig wie Juergen Teller und eine Art Axolotl-Urgestein, und dass Mifti von Alice das möchte, was sie nie von ihrer Mutter bekam, wissen bis auf Alice alle in diesem Buch und in Hegemanns echtem, erfundenem Berlin. Wie sinnlos ihre schräge Verliebtheit ist, weiß die kluge Mifti aber selbst - und sucht das große, tolle Irgendwas bei anderen, vor allem bei Männern, die viel älter und dümmer sind als sie, und weil Sex im Trauerkoma nichts bringt, macht sie dann etwas, was sie die ganze Zeit nicht machen wollte. „Ha ha, Heroin, wie out ist das denn“, brüllt einer ihrer Freunde auf der Party, auf der sie kurz darauf zusammenbricht. Jetzt reicht's. Mifti geht aufs Dach, und bevor sie ihrer Mutter in die Hölle hinterherspringt, steht Alice, die gleich auflegen soll, vor ihr und holt sie ins Leben zurück. Aber nicht in ihr Leben. Mifti, die sich ein paar Tage später absichtlich in der Galerie Lafayette beim Klauen von Designerschrott erwischen und von Alice auf der Wache abholen lässt, darf noch ein letztes Mal bei ihr schlafen. Aber wirklich nur schlafen.

Kein Kuscheln, kein Anfassen, nur unauffällig und regelmäßig durch die Nase ein- und ausatmen und im Kopf die schlimmsten, blutigsten Unterwerfungsphantasien hin- und herwälzen. Und während sie langsam in den Schlaf hinübergleitet, denkt sie plötzlich wieder an den Menschen, wegen dem sie dieses bösartige, verzärtelte, unglückliche Monster geworden ist. „Liebe Mifti“, schreibt die Mutter der davondämmernden Mifti aus dem Jenseits, „du bist Abschaum, Schatz, du bist die Krätze, und ich hoffe, dass du weißt, dass dein Lächeln inzwischen Risse aufweist. Die Welt muss langsam mal einsehen, dass es Zeit ist für dich zu gehen.“ Und dann klappt man das Buch zu und denkt, arme Mifti, armes Axolotl, du hast höchstens noch ein Jahr oder zwei.

Und Helene Hegemann? Wie geht es ihr? Wer ist sie überhaupt? Keine Ahnung, es interessiert mich nicht. Aber wenn Sie unbedingt etwas über sie wissen wollen - sie soll 17 und Tochter eines berühmten Berliner Intellektuellen sein, und einen Film hat sie auch schon gemacht -, dann googeln Sie es doch selbst. Ich bin hier nicht für Klatsch und das Verbreiten von Verlags-PR zuständig, sondern für große, unvergessliche Literatur.

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