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Heinrich Heine : Loreley, ley, ley, Texte ziehn an dir vorbei

  • -Aktualisiert am

Heine-Lesung auf Hamburgs Straßen Bild: dpa/dpaweb

Mit diesem Dichter kann man sich bestens unterhalten: Im Hamburger Schauspielhaus ist das Heine-Jubeljahr eingeläutet worden. Doch Heinesche Spottlust blitzte viel zu selten auf.

          6 Min.

          Vor dem Eingang des Schauspielhauses steht ein junger Mann. Es ist früher Samstagabend, die Spitzentemperatur von null Grad dürfte inzwischen nicht mehr erreicht werden, und der Mann deklamiert, mit wahrem Gefühle und falscher Stimme, Heine-Verse. Er trägt aus dem Wintermärchen vor, offenbar hat er sich ein besonders langes Caput vorgenommen, das zieht sich, zumal es zieht.

          Neben ihm stehen einige Menschen in Kostümen aus dem Biedermeier, die hoffentlich etwas mehr wärmen. Vor ihnen zwei, drei tapfere Zuhörer, von dem etwas irritierten Obdachlosen abgesehen, der wohl eine neue Methode vermutet, um an Kleingeld zu kommen. Denn einige Körbe sind auch aufgestellt, sie enthalten jedoch Texte, gerollt, in fünf verschiedenen Farben. Hier darf sich jeder etwas heraussuchen und loslegen. Ein Open Mike, zwar ohne Mike, aber dafür Open Air.

          Die kleine Heine-Bühne

          Erst später, beim Blick ins Programm dieser Heinrich-Heine-Nacht, wird man erstaunt feststellen, daß man hier schon den ersten Programmpunkt absolviert hat: „...ich selber bin Volk - Die kleine Heine-Bühne“ ist ziemlich klein ausgefallen; aber zu Heines Zeiten hatte das einfache Volk ja auch nicht immer viel zu heizen, während der Dichter mit reichem Kaufmannsonkel sich an „Hamburgs Fleischtöpfen und Fleischtöpfinnen, seinen Theater- und Ballvergnügen, seinen guten und schlechten Gesellschaften“ labte. Man kann nicht sagen, daß Heine an der Hansestadt, diesem „verluderten Kaufmannsnest“, so richtig warm geworden wäre. Aber die Hamburger sind trotzdem stolz auf ihren zeitweiligen Mitbürger, erst recht natürlich sein hier ansässiger Verlag Hoffmann und Campe, der diese Gala gemeinsam mit der Kulturbehörde der Stadt, dem ZDF und der Initiative Deutsche Sprache ausgerichtet hat.

          Ein Literarisches Quartett zu Ehren Heines

          Den Anfang machte im Großen Saal die Aufzeichnung einer Extraausgabe des „Literarischen Quartetts“ (Ausstrahlung ist am kommenden Freitag), deren Gast die Schriftstellerin Monika Maron war (siehe auch: Reich-Ranicki aus dem Krankenhaus entlassen). Höchst erstaunlich ist die Leichtigkeit, mit der Reich-Ranicki den Saal nicht nur zu füllen, sondern auch in Begeisterung zu versetzen versteht - und das mit einem Konzept, das angesichts des Fehlens wirklich kontroverser Themen eher den Charakter eines volkspädagogischen Repetitoriums hat. Mit eiligem Schritt, aber doch sehr konzentriert ließ man die wichtigsten Themen seines Lebens und Werks Revue passieren - die Religion, sein Verhältnis zur Nation, seine Vision von Europa, den Reiseschriftsteller, den Feuilletonisten, den Kulturvermittler und schließlich den Lyriker - zu dessen epochaler Bedeutung Reich-Ranicki verständlicherweise gar nicht schnell genug kommen konnte: „Ah, das möchte ich hören!“

          Was wollte Heine sagen?

          Ein bißchen verhedderte man sich dann in der Frage, ob Heine noch Romantiker genannt werden könne, ob er der Romantik „entlaufen“ sei oder sie nicht vielmehr reformiert und auf eine höhere Stufe geführt habe. Iris Radisch verstieg sich gar zu der These, daß die Begeisterung der Mit- und Nachwelt für den Lyriker Heine ein Mißverständnis sei. Reich-Ranicki ließ solche Provokationen ins Leere laufen, indem er listig den Oberlehrer gab und nach kurzen Rezitationen fragte: „Was wollte der Autor damit sagen?“ Vor allem habe Heine das Vernunftprinzip gegen die Schwärmerei gesetzt. Ohne eine Differenzierung zumindest zwischen ästhetisch und politisch radikaler Frühromantik und der eskapistischen und frömmelnd-reaktionären Spätromantik, mit der sich Heine ja vor allem auseinanderzusetzen hatte, wird man da nicht weiterkommen. Aber abgesehen von Definitionsfragen könnte man sich ja vielleicht auf folgendes einigen: Heine wäre gern ein Romantiker gewesen, aber war zu intelligent dafür.

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