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Heinrich Detering : Zwielichtig: „Der Butt“

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Butt-Liebhaber Günter Grass Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Günter Grass ist ein großer Märchenerzähler. Mit der Geschichte vom Butt hat er eines der umfangreichsten Märchen der deutschen Literatur geschrieben und eines der wildesten dazu.

          DGünter Grass, der Liebhaber Andersens, ein großer Märchenerzähler ist, das hat sich sonderbarerweise noch immer nicht herumgesprochen. Dabei hat er mit der Geschichte vom Butt eines der umfangreichsten Märchen der deutschen Literatur geschrieben und eines der wildesten dazu.

          Denn wie er die misogyne Geschichte vom Fischer und seiner Frau, die den Brüdern Grimm von Philipp Otto Runge geschenkt worden ist, ausfaltet zum Weltpanorama: das erinnert an die Zeiten, in denen „die Welt romantisieren“ noch hieß, sie mittels der Poesie auf den Kopf zu stellen. Hier wird der Fortschritt zur Schnecke gemacht; hier zeigt sich der Hegelsche Weltgeist, seiner patriarchalen Anmaßung überführt, als eine fette Flunder, die von der Frauenbewegung vor Gericht gestellt und in den begleitenden Zeichnungen genüßlich verspeist wird.

          Der Abschied von der Geschichtsphilosophie wird, mitten in den bundesrepublikanischen siebziger Jahren, gefeiert als Fest einer Phantasie, die Andersens eigene sein könnte. Wie der das Volksmärchen benutzte, um eine ganze Kultur anarchisch aufs Spiel zu setzen, so verwandelt Grass mit den Grimms alle übersichtlichen Geschichtslandkarten ins zwielichtige Märchenreich des Butt, in dem Bebel und der alte Fritz, Gryphius und Opitz sich in einer höchst eigentümlichen Front wiederfinden gegen eine dreibrüstige Urmutter, Köchinnen aller Zeitalter und diverse Ilsebills. Mit ihrem Prozeß gegen eine Männer-Welt, der auch der zweifelhafte Erzähler selbst angehört, geht das Märchen vom Butt böse aus, zum Glück.

          Als ich das zum ersten Mal las, nicht lange nach dem Abitur, war ich etwas empört und sehr verblüfft. Und ungewollt schon angesteckt von dem Erzählvergnügen, mit dem Grass, politisch unkorrekt und unbekümmert, sein Monstermärchen auskostete. Im Laufe der Jahre (und der Geschichte) ist das Vergnügen nicht verschwunden.

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