https://www.faz.net/-gqz-8l6fj

Heidenreich im Literaturclub : Quatsch und Quote

  • -Aktualisiert am

Ferndiagnose per Literaturkritik: Elke Heidenreich bescheinigt Michelle Steinbeck wegen ihres Debüts eine handfeste Störung und stellt der Literaturpreisjury ein Armutszeugnis aus. Bild: dpa

Im Schweizer „Literaturclub“ kritisiert Elke Heidenreich den Erstling der 26 Jahre alten Schweizerin Michelle Steinbeck akribisch – und erntet dafür selbst eine Menge Kritik.

          Es ist grauenhaft, dieses Buch“, hebt sie an – das Publikum im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens gerät in Stimmung: „Es ist entsetzlich, ein Albtraum“. Dann gibt es für Elke Heidenreich kein Halten mehr: „Es ist verlogen, unehrlich, konstruiert. Und wenn das ernst gemeint ist, dann hat die Autorin eine ernsthafte Störung.“ Die Rede ist von Michelle Steinbecks Erstling „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“ (Lenos). Der Roman der 26 Jahre alten Schweizerin hat von anderen Kritikern durchaus Lob bekommen und er steht auch auf der Longlist des deutschen Buchpreises, was Heidenreich zum Anlass nimmt, der Jury ein „Armutszeugnis“ auszustellen.

          Die zaghaften Einwände der Moderatorin und der anderen Diskussionsteilnehmer gegen die Pathologisierung einer jungen Schriftstellerin bringen Elke Heidenreich – die dann auch noch von Bataille schwadroniert – umso weniger aus dem Konzept, als sie allesamt zumindest deren ästhetisches Urteil teilen. Der Kritiker Thomas Strässle, der das Buch vorgestellt und herzhaft empfohlen hat, ist nicht in der Lage, die rhetorische Dampfwalze mit Argumenten zum Stoppen zu bringen. „Zum Glück sind Robert Walser, Franz Kafka und Friedrich Glauser längst tot“, schreibt Guido Kalberer im „Tages-Anzeiger“ und verortet Heidenreichs Vorgehen in der unseligen Tradition des braunen und roten Totalitarismus, Stichwort entartet.

          Ihr wurde umgehend ein Persilschein ausgestellt

          Kalberer erwähnt ihren Umgang mit einem erfundenen Heidegger-Zitat, das zum Rausschmiss des Moderators Stefan Zweifel führte – der mit seiner Erwiderung richtig lag: „Damals hat Heidenreich die Wahrheit verdreht – und das Fernsehen drehte brav mit.“ Für Kalberer hat es seine redaktionelle Verantwortung auch diesmal nicht wahrgenommen: Elke Heidenreich wurde umgehend ein Persilschein ausgestellt. Ihr populistischer Quatsch ist gut für die Quoten. Der Schriftsteller Peter Stamm erinnert sich an ihre nicht ganz unähnlichen Aussagen über seine Bücher und hält ihre Präsenz im „Literaturclub“ ebenfalls für nicht mehr vertretbar. Online-Medien lassen darüber abstimmen.

          In der „NZZ“ unterstellt der Literaturredakteur Roman Bucheli in einem Kommentar über „Die Verluderung der Literaturkritik“ Elke Heidenreich „kritisches Unwesen“. Zeilenweise zitiert er aus ihrem unsäglichen Auftritt: „Es ist ein Buch voller Ekel, alles fault, stinkt, blutet, wird zerhackt.“ Gegen eine solche Literaturkritik gibt es nur ein Mittel: Man muss die Quintessenz ihres Furors und die Pointe ihrer Beschimpfung einer Schriftstellerin als unannehmbar an den Ab-Sender zurückschicken. Sie lautet: „Wenn das die junge Generation ist, dann Gnade uns Gott.“

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Folgen:

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          Fukase ist ein Mörder

          Kanae Minatos neuer Krimi : Fukase ist ein Mörder

          In dieser Literatur tun sich makabre Abgründe auf: Kanae Minatos Krimi „Schuldig“ erzählt von einem alten Verbrechen, das die Ruhe der Davongekommenen stört.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Zwiebels Traum

          Peer Gynt in Frankfurt : Zwiebels Traum

          Als hätte sich David Lynch in den Cirque du Soleil verirrt: Andreas Kriegenburg inszeniert Henrik Ibsens Versdrama über den Borderliner „Peer Gynt“ in der deutschen Fassung von Peter Stein und Botho Strauß.

          Topmeldungen

          Österreichs Regierung am Boden : Von der Musterehe zum Rosenkrieg

          Aus den Rissen in der türkis-blauen Koalition wurden durch die Ibiza-Affäre in beeindruckender Geschwindigkeit Gräben. Die Neuwahl ist für Sebastian Kurz eine Chance, mehr Stimmen für die ÖVP zu gewinnen – aber sie birgt auch ein großes Risiko.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.