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Heideggers „Spiegel“-Interview : Hundert Minuten Hüttenzauber

Er war vorbereitet, die Journalisten weniger: Martin Heidegger und Rudolf Augstein vor der Hütte in Todtnauberg Bild: © Digne Meller Marcovicz

Das berühmteste Interview, das je im „Spiegel“ geführt wurde, liegt jetzt in Buchform vor: das Gespräch zwischen Rudolf Augstein und Martin Heidegger. Es wurde zur Lehrstunde für den Journalisten.

          Der Ausdruck ,Gerede‘ soll hier“, schreibt Martin Heidegger 1927, „nicht in einer herabziehenden Bedeutung gebraucht werden.“ Hier - das war die berühmte Analyse des an den Alltag verfallenen Daseins in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“. Grob zusammengefasst ging es darum, dass eine Existenz, die zu ihren eigenen Möglichkeiten finden will, sich dem „Man“, dem Durchschnittsverständnis der Welt entwinden muss. Zunächst und meistens spricht man nämlich nicht mit eigener Stimme. Man trägt weiter, was andere gesagt haben, redet nach. Was man weiß, ist zumeist angelesen. „Das Gerede ist die Möglichkeit, alles zu verstehen, ohne vorgängige Zueignung (!) der Sache.“

          Wer sich im Gerede aufhält, versteht also, ohne sich Erfahrungsmühe zu geben, und bringt umgekehrt auch für fast alles Verständnis auf. Heidegger lässt wenig Zweifel daran, dass die Welt des Geredes für ihn eine der Halbbildung, der mobilen Intellektualität, der sozialen Kontaktfreudigkeit ist. Es ist die Welt der Massenmedien, der städtischen Präferenz für Lernbereitschaft, eines Lebenstempos, das Festlegungen nicht liebt. Und warum gibt sich das Dasein dieser Herrschaft der Öffentlichkeit - und dann, Heideggers weiteren Analysen zufolge, auch der Neugier und der Zweideutigkeit - hin? In der Schlusswendung seiner Marburger Einführungsvorlesung in die phänomenologische Forschung von 1924: weil es vor sich selbst in Vertrautheit und Beruhigung flüchtet. Es denkt nicht, es lässt denken.

          Und das soll - mitsamt den Attributen „bodenlos“, „entwurzelt“ und „von ursprünglichen Seinsbezügen abgeschnitten“ - nicht abwertend gemeint gewesen sein? Heidegger vergleicht die alltäglichen Verhaltensweisen mit dem, was philosophisch zu fordern wäre, und konstatiert ein riesiges Gefälle.

          Das Gerede mit eigenem Gerede in die Irre führen: der Philosoph Martin Heidegger

          Vierzig Jahre später, Ende September 1966, gibt Martin Heidegger dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ein Interview. Es wird das einzige längere Gespräch sein, das er in seinem Leben Journalisten gewährt hat. Den Rückzug aus der Öffentlichkeit bezeichnete er nach 1945 als unabdingbar. Über die „Journaille“ weiß er jahrzehntelang kein gutes Wort. Das Interview wird für eine Publikation eingerichtet, aber vom Philosophen mit dem Sperrvermerk versehen, erst nach seinem Tod veröffentlicht werden zu dürfen. Heidegger stirbt, mit sechsundachtzig Jahren, am 26. Mai 1976. Der „Spiegel“ bringt das Gespräch unter den Titeln „Der Philosoph und das Dritte Reich“ sowie „Nur noch ein Gott kann uns retten“ schon drei Tage darauf.

          Lutz Hachmeister, Dokumentarfilmer, Medienforscher und Journalist, hat die Geschichte dieses Interviews geschrieben. Die Vorgeschichte: Wie Heidegger zu jemandem wurde, der für den „Spiegel“ so interessant war, dass das Magazin sich auf eine unabsehbare Sperrfrist einließ und sogar auf die Rechte am Text eines Interviews verzichtete. Die Geschichte des Gesprächs selbst: Wie Rudolf Augstein, damals zweiundvierzig, und sein Redakteur für Geisteswissenschaften, Georg Wolff, zweiundfünfzig Jahre alt und ein ehemaliger SS-Mann, der zu einem auch der Kritischen Theorie zuneigenden Kulturkritiker geworden war, Heidegger in Freiburg aufsuchen und an ihm journalistisch scheiterten. Und die Nachgeschichte: Wie die Auskünfte, die Heidegger im Interview zu seiner Rolle im Nationalsozialismus gab, sich später als immer windiger erwiesen und in welchen Kreisen Heideggers zivilisationskritische Privatvariante von Nationalsozialismus nach wie vor Interesse findet.

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