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„Macht“ von Karen Duve : Hauptsache, gebrüllt

Die Schriftstellerin Karen Duve Bild: Kerstin Ahlrichs

„Fifty Shades of Grey“ trifft auf Natascha Kampusch: Warum Karen Duves neuer Roman „Macht“ einem so wahnsinnig auf die Nerven geht.

          Vor ungefähr zwei Jahren, Karen Duve saß schon an ihrem neuen Roman „Macht“, der jetzt erscheint, war sie ganz besonders wütend. Sie war so wütend, dass sie die Arbeit an ihrem Buch unterbrach, um erst mal einen Essay zu schreiben über das, was ihr gerade durch den Kopf ging. Der Roman sollte in der Zukunft spielen, im Jahr 2031. Das aber, was sie gerade an Statistiken und Literatur über Manager und Chefetagen gelesen hatte, betraf die Gegenwart. Da musste sie sofort eingreifen, so schnell wie möglich. Sie schrieb „Warum die Sache schiefgeht – Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen“ und ging mit ihren Thesen in die Talkshows. Sie erklärte, dass die Zivilisation wegen der Klima-, Energie- und Flüchtlingskrisen zusammenbreche, dies aber keinen interessiere, vor allem nicht die sogenannten Entscheider. Männer, die sich an „jahrtausendealten Schimpansenregeln der Herrschaft und Unterdrückung“ orientierten. Egoisten, die nicht deswegen Karriere gemacht hätten, weil sie intelligenter, kompetenter oder sozialer waren als andere, sondern „gemeiner, aggressiver und schamloser“.

          Aggressiv und bedrohlich

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der Sendung „3 nach 9“ guckte der Moderator und Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, der ja immerhin bekannt dafür ist, Frauen in Führungspositionen geholt zu haben, sie etwas ungläubig an und fragte: „Haben Sie schon mal in einer Firma oder einer Behörde gearbeitet und Chefs erlebt?“ Und Karen Duve sagte: „Ja.“ Sie habe mal in einer Behörde gearbeitet, in einem Finanzamt. Auf ihre dortigen Chefs hätten ihre Thesen aber eigentlich nicht zugetroffen. Sie seien sehr nett gewesen. Sie hätte aber mal in einer Bank gelesen, wo sie einen Preis bekommen habe, und sei da „mit der ganzen Naivität des freischaffenden Künstlers“ in einen Raum gegangen, in dem diese ganzen Chefs und Manager saßen. Und das habe sich genauso angefühlt wie ihr Zusammentreffen als Hamburger Taxifahrerin mit Zuhältern in der Kiezkneipe „Ritze“ in St.Pauli. „Das war eine aggressive, bedrohliche Atmosphäre. Mir sträubten sich regelrecht die Haare.“ „Aggressiv gegen Sie?“, fragte di Lorenzo. Ja, man habe ihr zu verstehen gegeben, dass sie da nicht hingehöre.

          Das war zwar nur so ein Gefühl, aber egal. So plakativ und unanalytisch wie ihr Talkshowauftritt war der ganze Essay, der übrigens keine feministische Streitschrift war. Karen Duve interessierte sich viel weniger für die Angelegenheiten der Frauen als für die offenbar genetisch bösen Männer. Aber er war erfolgreich. Er war in einem Stil geschrieben, mit dem Duve gewissermaßen zurückschrie. Sie stellt fest: Richard Fuld, der letzte Vorstandschef von Lehmann Brothers, brüllte gern und häufig Untergebene an, weswegen er den Spitznamen „Gorilla“ bekam. Er reagierte darauf, indem er in seinem Büro einen ausgestopften Gorilla aufstellen ließ. Das konnte Karen Duve auch. Sie schrieb ein möglichst lautes Buch mit Affen auf dem Cover – und landete damit einen Bestseller.

          Olaf Scholz ist Bundeskanzler

          Dann arbeitete sie weiter an „Macht“. Sie war gerade gut in Fahrt. Und weil sie diesen Roman gar nicht aus der Perspektive einer Frau schrieb, sondern aus der eines Mannes, eines Psychopathen noch dazu, konnte sie den Ton noch mehr aufdrehen, Wörter wie „Hackfresse“, „Weiberschmack“ und, ja, „lackierte Fotzenpfoten“ schreiben, dieses ganze breitbeinige Machogetue also mal so richtig auskosten – auf leider mehr als vierhundert Seiten.

          Dass das Buch dabei als Zukunftsvision angekündigt wird, ist etwas irreführend, aber es stimmt schon: „Macht“ spielt in der Zukunft. Hitzewellen und Wirbelstürme haben den Planeten verwüstet. Die Menschheit befindet sich kurz vorm Untergang. Olaf Scholz ist Bundeskanzler, aber sonst regieren die Frauen. Es herrscht Staatsfeminismus und Veganismus. Wer Fleisch essen will, muss kostbare Kohlendioxid-Gutscheine einlösen, die jedem zugeteilt werden. Und dann gibt es da noch die Pille Ephebo, mit der die überalterte Gesellschaft sich radikal verjüngt hat und Rentner auf einem Klassentreffen ihren ehemaligen Schulkameraden wieder so begegnen können wie früher.

          Aber das war es auch schon. Viel mehr Vision ist da nicht. Was sich bei den literarischen Entwürfen der nahen Zukunft von Dave Eggers, Wladimir Sorokin und Michel Houellebecq als Gesellschaftsanalyse der Gegenwart herausstellt, ist bei Karen Duve nur Dekor. Aus der Beschreibung ihrer Zukunftswelt geht nichts hervor. Überhaupt nimmt die gesellschaftliche Wirklichkeit in der Erzählung insgesamt nur einen kleinen Raum ein. Denn Karen Duve hat sich etwas anderes ausgedacht. Sie kombiniert ohne Komik eine Sensation mit einer anderen: Natascha Kampusch mit ein bisschen „Fifty Shades of Grey“ – und zwar aus Psychopathen- und Männersicht.

          Das knallt natürlich. Und es geht einem ungeheuer auf die Nerven. Was hätte man sich unter einer von Frauen regierten Welt nicht alles vorstellen können. Wie interessant wäre es gewesen, darüber nachzudenken, was das für die Männer und das Verhältnis der Geschlechter zueinander bedeutet und für die verschiedenen Kulturen.

          Softporno ohne Überraschung

          Stattdessen haben wir es mit Sebastian Bürger, genannt „Bassi“ zu tun, einem ehemaligen Aufrüstungsgegner, der früher mal so doof war, sich für die Sache der Frauen stark zu machen und dies jetzt bereut. Er sperrt seine Frau, Dr.Christine Semmelrogge, Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung, in den Keller und quält sie. Seitenlang sind wir bei einer Art sadistischem Softporno ohne Überraschung dabei. Man kann es gar nicht fassen, wie brav Karen Duve genretypisch alles durchdekliniert und ihren Bassi zu so beeindruckenden Schlussfolgerungen kommen lässt wie: „Nie spürt man die eigene Macht so sehr wie in jenen Momenten, in denen man sie missbraucht. Erst wenn man etwas so richtig Gemeines tut, etwas, das so gut wie alle Menschen verurteilen würden, und man tut es trotzdem und kommt damit auch noch durch – erst das ist wirkliche Macht.“

          So rächt sich Duves Gewährsmann für die Herabsetzung und Entmännlichung, die er erfahren hat, ein Gefühl, das er mit den Kameraden von früher beim Klassentreffen genauso teilt wie mit den Mitgliedern der Vereinigung „MASKULO“, die sich zusammengeschlossen haben, um die Macht der „Femi-Nazis“ zu brechen. Die Klassenkameraden sagen: „Das soll Feminismus sein, wenn man sich von Frauen anbrüllen lassen muss?“ Sie sagen: „Heutzutage sind sie grausam. Sie haben alle diese Rechte und Freiheiten, aber sie können nicht damit umgehen. Sie merken nicht, wie sie einen Mann dadurch kaputt machen.“

          Die „MASKULO“-Typen sagen: „Sie haben uns den Stolz auf uns selbst genommen, auf den jeder Mann ein Anrecht hat. Und jetzt wollen sie uns endgültig fertigmachen. Aber das lassen wir uns nicht bieten! Nicht mit uns, Ladys!“ Und dazwischen beschwert sich Bassi, dass „heute, wo Mädchen in jeder Hinsicht gefördert und beachtet und für jeden Scheiß gelobt werden und Karriereweiber sich die guten Posten gegenseitig zuschanzen, weibliche Bewunderung für männliches Wissen natürlich ausstirbt“. Man hat das ziemlich schnell verstanden, es geht aber – unterbrochen von ein paar Quäl- und Sexszenen – immer so weiter. Es ist sehr langweilig.

          Die Männer sind böse

          Wer Romane liest, weil sie Möglichkeitsräume eröffnen, der landet mit Dr.Christine Semmelrogge hier also gewissermaßen in der Betonkiste. Karen Duves „Macht“-Geschichte geht so: Zwar sind die Frauen an der Macht. Sie sind aber nur deshalb an der Macht, weil sie niemand daran gehindert hat, diese zu ergreifen. Die Zivilisation fördert das, was sie stärker macht. Und weil der Gesellschaft die sozialen Kompetenzen und das Verantwortungsgefühl von Frauen eine Weile lang zugute kam, also alle etwas davon hatten, auch die Männer, durften sie bestimmen. Seitdem die Klimaerwärmung dann allerdings die schlimmste vorstellbare Entwicklung eingeschlagen hat und klar ist, dass nichts mehr zu retten ist, gibt es auch keinen Grund mehr, Frauen an der Macht teilhaben zu lassen. Also kehrt die Unterdrückung der Frau in ihren gewalttätigsten und archaischsten Formen zurück. Die deutschen Männer aus Duves naher Zukunft sympathisieren nun mit dem Frauenbild des Wahhabismus saudi-arabischer Spielart.

          Es gibt also kein Entkommen. Die Männer sind böse, sind böse, sind böse: das ist die Botschaft von Karen Duves Roman „Macht“. Nicht unerheblich ist dabei, dass jene Männer, die im Roman auftauchen, alle auch besonders blöd sind, unwahrscheinlich blöd sogar. Es scheint Karen Duve in monotoner Einfallslosigkeit sehr viel Spaß gemacht zu haben, sie so blöd dastehen zu lassen. Sie verschwendet unsere Zeit damit. Und genau das bringt einen gegen diesen Roman so ungeheuer auf. Es gibt Leute, die immer nur herummeckern und lästern und natürlich bei den anderen die Schuld suchen und sowieso nichts ändern wollen, weil sie der Überzeugung sind, dass sich am Ende gar nichts ändern lässt und die Welt bald untergeht. Und es gibt Leute, die trotz der Ahnung von etwas Dunklem, Heillosem sich etwas anderes vorstellen können als das, was ist, und versuchen, eben das in Worte zu fassen oder zu handeln.

          Karen Duve ist eher von der Mecker-Fraktion. Deshalb bleibt ihr Roman auch ohne Konsequenzen. In ihrem Essay „Warum die Sache schiefgeht“ hat die Autorin ihre These, warum Hohlköpfe und Psychopathen, also zum Beispiel Manager in Chefetagen, uns um unsere Zukunft bringen, mit Zitaten aus Fachzeitschriften untermauert. Da konnte man in manchen Momenten immerhin noch Distanz erkennen. In „Macht“ hat sie jede Distanz aufgegeben. Auf welche Seite man auch blättert: Die Weltsicht ist zynisch und bringt niemanden weiter. Diesmal ist Karen Duve selbst die Sache ziemlich schiefgegangen.

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