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Harold Pinter : Der eingebildet Dramatische

  • -Aktualisiert am

Harold Pinter am Donnerstag in seiner Londoner Wohnung Bild: AP

Mit ihrer Verleihung des Literaturnobelpreises an Harold Pinter fügt die Schwedische Akademie ihrer komischen Liste peinlicher Fehlentscheidungen eine weitere hinzu. Pinters Stücke sind zuletzt immer blässer, dümmer und hohler geworden. FAZ.NET-Spezial.

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          Als der dramatische Londoner Schriftsteller Harold Pinter knapp über dreißig war und anfing, auch auf dem Kontinent derart berühmt zu werden, daß man sogar schon eine ganze literarische Richtung oder besser Haltung oder noch besser Marotte nach ihm zu nennen begann und also das „Pintereske“ beraunte und bestaunte (eine Nominalisationsehre, die einem Kafka zum Beispiel erst lange nach seinem Tode widerfuhr), was einem Jungdramatiker heutigentags ja kaum mehr passiert, man denke nur an die absolute Unmöglichkeit oder Lächerlichkeit eines „Harroweresken“ oder „Ravenhillesken“ oder auch „Rinkesken“ oder „Schimmelpfennigesken“ - als also dieser junge Mann zu einem europäischen dramatischen Ereignis wurde, da verachtete er nichts so sehr wie jedwede Art und Form von Moral. Und jedwedes gesellschaftliche Engagement und Verantwortungsbewußtsein.

          „Wenn ich überhaupt eine moralische Richtlinie aufstellen sollte“, befand der junge, sein Sach' ganz allein auf sich selbst stellende Pinter, „so etwa diese: Hütet euch vor dem Autor, der euch sein ,Anliegen' aufzudrängen versucht, der keinen Zweifel an seinem menschlichen Wert, an seiner Nützlichkeit, seinem Altruismus aufkommen läßt, der sein Herz auf dem rechten Fleck zu haben behauptet und der dafür sorgt, daß man es in seiner ganzen Größe sehen muß: Es pulsiert dort, wo eigentlich seine Charaktere zu sehen sein sollten. Was einem da mit viel Zeitaufwand als ein Gefäß aktiven und positiven Denkens vorgestellt wird, ist in Wahrheit ein in leere Definitionen und Klischees hoffnungslos verstrickter Mensch.“

          Eine komische Liste

          Wenn die Schwedische Akademie Harold Pinter für dessen Dramen zu dessen längst vergangener, also im besten und obenzitierten Sinne unmoralischer Zeit mit dem Literaturnobelpreis geehrt haben will und wenn sie das merkwürdigerweise im Jahr 2005 tut, dann muß die Akademie, deren peinliche Zwischendurch-Fehlentscheidungen sich langsam zu einer komischen Liste addieren, vor dem Pinter, wie er heute und seit gut zwanzig Jahren leibt und schreibt, derart die Augen verschlossen haben, daß es fast schon an Blindheit grenzt - oder an Ratlosigkeit. Oder an eine Privatmarotte eines der Akademiemitglieder. Alles zusammen beschädigt langsam, aber sicher den Ruf der Akademie. Oder die allgemeine Hochschätzung des Literaturnobelpreises hätte ihr Äquivalent allein in der hohen Dotierung - nicht in hoher Qualität.

          Pinter 1973 in New York
          Pinter 1973 in New York : Bild: AP

          Denn wenn es inzwischen einen Autor gibt, der einem sein „Anliegen“ aufzudrängen versucht, der keinen Zweifel an seinem menschlichen Wert, an seiner Nützlichkeit, seinem Altruismus, seiner politischen Güte und Korrektheit aufkommen läßt, der sein Herz auf dem rechten, das heißt hier natürlich linken Fleck zu haben behauptet, und das exakt dort pulsiert, wo man in seinen Arbeiten Charaktere sehen müßte, aber nur noch leere Definitionen und hohle Klischees sieht - dann ist dies Harold Pinter. Er hat unsagbare banale, aber halt auch unsäglich brave, aufrechte, wütende Gedichte gegen den Irak-Krieg geschrieben. Er hat Mr. Blairs „Arschlecken gegenüber dem Big Business“ gegeißelt. Er hat die Vereinigten Staaten von Amerika für einen GULag (ein einziges Straflager) gehalten. Er hat Freiheit für den braven serbischen Freiheitskämpfer Milosevic gefordert, den andere für einen Diktator und Schlächter halten.

          Ein eingebildet Engagierter

          Und er hat in einem seiner letzten, immer blässer, dümmer und hohler, aber auch immer politisch aufrechter gewordenen Stücke („Party Time“) eine Gesellschaft von vornehm verkommenen West-Fressenden und -Saufenden in ungeheurem dramatischem Gratismut und Schwung mit der Tatsache konfrontiert, daß, während hier Champagner und Kaviar geschlabbert wird, anderswo die Schreie der Gefolterten aus den Kellern dringen. Niemand kann dagegen etwas haben. Man kann dazu nur mit dem Kopf nicken. Aber gehen wir ins Theater, um mit dem Kopf zu nicken? Harold Pinter ist zu einem intellektuellen Stammtisch-Dramatiker geworden, der mit der Faust auf den Tisch haut und: „Das mußte einfach mal gesagt werden!“ dröhnt. Daß die Papiere wackeln. Und die Moral überschwappt. Hier spreizt und produziert sich ein eingebildet Engagierter.

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