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Hape Kerkeling : Er hat seine Gründe

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Mein Leben soll ein Fest sein. Hape Kerkeling auf der Bühne Bild: Picture-Alliance

Hape Kerkeling ist eigentlich für das Lachen zuständig. Nun hat er ein sehr trauriges Buch über seine Kindheit geschrieben. Eine Begegnung in Frankfurt.

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          Im Grunde läuft alles auf diesen einen Satz zu: „Ich bin die Trümmer des Krieges, der in meiner Mutter gewütet hat.“ Was macht ein Mensch, der einen solchen Satz über sich selber schreibt, mit seinem Leben? Wie lebt der weiter, dieser Mensch aus Trümmern?

          Es geht hier um Hape Kerkeling, den Komiker, Fernsehstar, Filmstar, Unterhaltungskünstler, der mit seinem letzten Buch „Ich bin dann mal weg“ das erfolgreichste deutsche Sachbuch der Nachkriegsgeschichte geschrieben hat. 4,5 Millionen Mal hat sich der Bericht seiner Pilgerreise auf dem Jakobsweg bislang verkauft. Ungefähr jeder Deutsche kennt diesen Hape, kennt ihn als Horst Schlämmer, Königin Beatrix, Hurz-Interpreten und als Wanderer in die Stille.

          Jetzt hat er das Buch seiner Kindheit geschrieben, es heißt „Der Junge muss an die frische Luft“, und, ja, es läuft auf diesen Satz hinaus. Und auf eine Nacht, in der das Leben des damals achtjährigen Hape entzweigerissen wurde. Die Nacht, in der sich seine Mutter das Leben nahm.

          Eine Art Therapie

          Ich treffe ihn in einem kleinen Bibliotheksraum im Hotel „Frankfurter Hof“ in Frankfurt. Seine Managerin ist dabei, die Pressesprecherin seines Verlages. Und wir also: zwei Menschen, die sich nicht kennen und die jetzt 45 Minuten Zeit haben, um über den Selbstmord einer Mutter zu reden und darüber, was das mit einem macht und wie man ein Buch darüber schreibt und warum. Kerkeling, graues Sakko, karierter Schal, braun gebrannt, ist freundlich, distanziert, antwortet knapp, überlegt oft lange, bevor er etwas sagt. Es wird kein einziges Mal gelacht in den 45 Minuten, und am Ende wird er sagen: „Das war ja wie eine Therapiesitzung.“

          Ja. Ein bisschen wie sein Buch. Auch das hat etwas von einem langen Couch-Besuch. Und die Leser sind die lauschenden Psychologen. Am Anfang werden sie launig begrüßt, klamaukig, etwas eitel, „wer kennt schon diesen Hape“, warum sollte man sich für dessen Kindheit interessieren, „ich habe jetzt schon Kreislauf“ und so weiter. Man hat von Anfang an den Eindruck, dass sich da einer langsam auf den entscheidenden Punkt hinschreibt, am Anfang Wörter sucht, um einen Umweg zu machen, weil es einen direkten Weg nicht gibt.

          Das Kapitel, auf das alles zuläuft, beginnt auf Seite 195 und trägt den Titel „Der Stuhl am Küchenfenster“. Und während man vorher noch manchmal das Gefühl haben konnte, der Autor umstelle mit Worten umständlich den Kern der Geschichten, die er erzählen will, wird hier die Sprache knapp und klar, reduziert auf das Geschehen. Seitdem seine Mutter ein Jahr zuvor nach einer misslungenen Operation der Nebenhöhlen den Geschmacks- und Geruchssinn verloren hatte, hat sie allen Lebensmut, alle Lebenslust verloren. Ihr Sohn sieht seine Lebensaufgabe darin, sie aufzuheitern. Ein kleiner Clown und Imitator, um seine Mutter froh zu sehen und - im Stillen ahnt er es wohl schon: am Leben zu erhalten.

          Hape Kerkeling

          An diesem Abend ist alles wie immer, nur ein bisschen schöner. Sein Vater ist auf Nachtschicht, Hape, im blauen Flanellpyjama auf die Couch gekuschelt, sieht gemeinsam mit seiner Mutter fern. Sie ist ausgeglichen, fast heiter. Irgendwann verschwindet sie wortlos im Badezimmer und kommt nach einer Weile „nachtfein und stark parfümiert“ zurück. Sie lächelt ihren Sohn an und sagt sehr leise: „,Ich lege mich jetzt schlafen, Hans-Peter. Es sind ja noch Sommerferien, und deshalb darfst du heute so lange fernsehen, wie du willst.‘“ Kerkeling fügt im Buch hinzu: „Das werden ihre letzten Worte an mich sein. Keine Umarmung. Kein Kuss. Sie zieht sich einfach ins Schlafzimmer zurück.“

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