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Hape Kerkeling : Er hat seine Gründe

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Der Junge ahnt etwas. So lange fernsehen, wie er will? Das hat es ja noch nie gegeben. Es läuft „Klimbim“, er fühlt sich unwohl, aber er folgt der eigentlich herrlichen Erlaubnis zum ultimativen Fernsehabend wie einem Befehl. Er schaut, bis das Wort „Sendeschluss“ erscheint. Dann legt er sich ausnahmsweise - er fühlt, dass er das tun sollte - zu seiner Mutter ins Bett. Und er schläft neben ihr ein.

Das Grauen nach der Nacht

Diese Geschichte ist herzzerreißend traurig und unglaublich, und niemand wird verstehen, wie eine Mutter ihrem Sohn so etwas antun kann. Aber wie ein achtjähriger Junge so etwas erlebt, wie er langsam das Unfassbare fasst, wie er neben ihr liegt und langsam begreift, dass sie gerade stirbt. Wie er nicht weiß, was er jetzt tun soll. Wie er nicht weiß, ob er den Opa rufen darf. Oder die Polizei. Ob die nicht lacht, mitten in der Nacht, weil der Sohn in Sorge ist, nur weil seine Mutter komische Geräusche macht. Wie er die ganze späte Nacht das Vaterunser betet, bis sein Vater kommt. Und wie er danach vor allem diese eine Frage fürchtet, von seiner Familie, die eine Frage: „Warum hast du keine Hilfe gerufen?“ „Warum hast du deine Mutter nicht gerettet?“ Und wie die Frage niemand stellt und ihm bis heute niemand gestellt hat, aber er sich selbst natürlich diese Frage immer wieder stellt und keine Antwort darauf weiß, außer der, dass er eben zu klein gewesen ist und der Situation nicht gewachsen war.

Das Grauen nach dieser Nacht wird nur noch schlimmer. Denn alle sind mit der Situation überfordert. Vor allem sind die Erwachsenen mit ihm überfordert, dem kleinen Jungen, der Antworten will und keine Lügen. Die Mutter lebt zunächst noch, bewusstlos im Krankenhaus. Ihr Sohn darf nicht zu ihr. Die Erwachsenen lügen, wie sie können. Sie werde wiederkommen. Sie freue sich auf zu Hause, auf ihren Sohn. Alles werde gut.

Doch nichts wird gut. Er fühlt es ja, er weiß es ja. Die Erwachsenen sind hilflos wie Kinder, nur dass sie es vor sich selbst hinter Lügen und Selbstbetrug verbergen. Der Junge hasst die Lügen, ahnt die Wahrheit, und er will in diesen Tagen nur eins: „Erwachsen werden.“ Er hebt die Hände, wenn er jetzt, in der Hotelbibliothek darüber spricht und sagt: „Nur das wollte ich: das Heft des Handelns in der Hand haben. Nicht hilflos sein. Entscheidungen treffen. Nicht diesen Lügen ausgeliefert sein.“ Und dass das auch einer der Antriebe für ihn war, dieses Buch zu schreiben: erstens, „ganz egoistisch, um mir über meine eigene Geschichte endlich klar zu werden“, durch das Schreiben auch Abstand zu der Geschichte zu bekommen und sie einmal als etwas Abgeschlossenes vor sich zu haben. Aber vor allem auch, um gegen das Schweigen anzugehen. „Über diese Gruppe wird nicht gesprochen“, sagt er. Selbstmord, Kinder von Selbstmördern, überhaupt über den Tod. Wie über den Tod sprechen, wie mit Menschen reden und umgehen, die gerade einen nahen Menschen verloren haben, wie mit Kindern?

Wille zum Optimismus

In Hape Kerkelings Buch gibt es zahlreiche Heldinnen. Ja, es sind fast alles Frauen. Seine Omas, die eine, in deren Tante-Emma-Laden er so unendlich viele Lebensgeschichten hörte, die er alle ungemein spannend fand, die andere, Mutter seines Vaters, die zu ihm gezogen ist, nach dem Tod der Mutter. Auch diese Lebens-Szene, in der sich die Großmutter spontan entschließt, zu ihrem Enkel zu ziehen, ist traumhaft schön und schön erzählt, wie sie da, kaum hat sie die Todesnachricht erfahren, zunächst zögert oder gar entsetzt ist, als sie von ihrem Sohn erfährt, welche Aufgabe er für sie vorgesehen hat, wie der kleine Hape dann leise zu ihr sagt: „Bitte Oma“, und sie dann sofort ihren Koffer packt, ihre Wohnung verlässt, die sie danach nie wieder betreten wird, das ist so traurig-lebensfreundlich-weise, dass einem beim Lesen echt die Tränen in die Augen schießen.

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