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Hans Magnus Enzensberger : Mein Lieblingsbuch: „Hatschi Bratschi“

  • Aktualisiert am

Hans Magnus Enzensberger Bild: dpa

Kinderbücher gibt es viele, doch nur wenige bleiben bis ins Erwachsenenalter in Erinnerung. Wie zum Beispiel „Hatschi Bratschi“, das zwischenzeitlich gar verboten war.

          Ob ich ein Lieblingsbuch habe oder deren ein paar Dutzend oder gar keins, kann ich nicht sagen, jedenfalls dann nicht, wenn mich jemand danach fragt. Aber eines weiß ich noch, das ich von vorn bis hinten auswendig hersagen konnte, so gut hat es mir gefallen; und das ist etwas, wozu ich es bei andern Büchern, die mir lieb sind, wie "Krieg und Frieden" oder "Jacques le fataliste", nie gebracht habe. Ich hatte damals, mit fünf, etwas gegen die Schwerkraft und wollte davonfliegen, und da kamen mir Verse wie dieser gerade recht: "Pfeilschnell durch die Luft davon / flog Hatschi Bratschis Luftballon."

          Das Buch war nämlich gereimt, es hatte schöne Bilder und handelte von Zauberern, Hexen und Menschenfressern. "Der böse Hatschi Bratschi heißt er, / und kleine Kinder fängt und beißt er." Ein Thriller! "Und es ruft ein alter Rabe: / Armer Knabe, armer Knabe." Solche Warnungen schlug ich in den Wind. Ich wußte ganz genau: Je gefährlicher das Abenteuer, desto glücklicher wird es ausgehen; "denn die Hexe kann zum Glück / vorwärts nicht und nicht zurück".

          Verstümmelt, verfälscht, kastriert

          Nur dem Buch war ein gräßliches Schicksal beschieden. Nichtswürdige Verleger haben es verstümmelt, blöde Illustratoren verfälscht, pädagogische Aufseher kastriert, und am Ende wurde es ganz aus dem Verkehr gezogen, weil es ja, wie jeder aufgeklärte Mensch weiß, gar keine Hexen gibt und keine Zauberer im Morgenland und erst recht keine Menschenfresser in Afrika, und weil man scharf aufpassen muß, daß die kleinen Kinder nicht auf falsche Gedanken kommen.

          Es muß wohl noch andere geben, die diesem Werk nachtrauern; denn im Internet wird die einzig wahre, einzig echte Ausgabe ("Hatschi Bratschis Luftballon". Eine Dichtung für Kinder von Franz Karl Ginzkey. Mit vielen Bildern von Erwin Tintner. Rikola Verlag, Wien 1922) für 980 Euro feilgeboten. Ich habe sie nicht gekauft, aus Angst, ich könnte enttäuscht sein, wenn ich dem Hatschi Bratschi wieder begegne, und dann hätte ich etwas verloren, was mir teurer ist als tausend Euro.

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