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Hans Magnus Enzensberger : Im Schlafrock der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Hans Magnus Enzensberger, der sein Leben lang als scharfer Kritiker der Bundesrepublik und ihrer bequemen Illusionen hervorgetreten ist, hat erklärt, er habe nie zur extremen Linken gehört. Man reibt sich die Augen: Da soll gar nichts gewesen sein?

          Einer der Großen der Aufklärungsepoche hat einmal gesagt, man habe sich immer richtig gemalt, wenn man sich selbst male. Das ist vielfach widerlegt, und der diesen Satz so unwidersprechlich formulierte, ist mit seiner Autobiographie, den „Bekenntnissen“, bis heute Zielscheibe endloser Angriffe auf seine vorgebliche Ehrlichkeit gewesen - bis zu der Behauptung von Borges, er habe seine Kinder nie ausgesetzt, sondern durch dieses ungeheure Geständnis nur seine Aufrichtigkeit unter Beweis stellen wollen.

          Wenn nun einer unserer Zeitgenossen, der sein Leben lang als scharfer Kritiker der Bundesrepublik und ihrer bequemen Illusionen hervorgetreten ist, ein Linker wie Enzensberger, erklärt, da sei eigentlich gar nichts gewesen, er habe zu dieser extremen Linken, der er mit der Zeitschrift „Das Kursbuch“ die wirksamste intellektuelle Waffe an die Hand gab, gar nicht gehört, dann muss dies im ersten Moment frappieren. Man reibt sich die Augen: Da soll also gar nichts gewesen sein?

          Jedes Wort wohlbedacht

          Die Pariser Zeitschrift „Le Nouvel Observateur“ hat jetzt einen kurzen Text von Hans Magnus Enzensberger veröffentlicht. Es ist ein kurzer Text über ein langes, ein fast achtzigjähriges Leben. Jedes Wort ist wohlbedacht und hat sein Gewicht. In einer bürgerlichen und „spontan antifaschistischen“ Familie aufgewachsen, in einer feierlichen Zeremonie von der Hitlerjugend ausgeschlossen, erlebte er Kriegs- und Nachkriegszeit als ein Beobachter, eine Position, die zu verlassen erst die Abenteuer bei dem Versuch nötigten, den Unterhalt seiner Familie zu sichern.

          Erst bei Jazz und Existentialismus gingen die Arme in die Höhe. Er lernte, unangenehme Fragen zu stellen, und dass deutsch zu sein kein Beruf war. Wie im Schelmenroman geht unser Held in die Welt, lernt Sprachen, studiert Länder und Literaturen, acht Jahre in Norwegen, Italien, Russland, Amerika und Frankreich. Das ist die Bundesrepublik, wie wir sie kennen, freilich mit den noch größeren Spielräumen des hochbeweglichen Schriftstellers, wie Enzensberger einer ist.

          Das ideale Basislager

          Für diesen in den fünfziger und sechziger Jahren eroberten Lebensstil konnte die Bundesrepublik schließlich als das ideale Basislager erscheinen, und mit wenigen Sätzen gibt Enzensberger zu erkennen, wie dieses Land für ihn annehmbar wurde wie nur irgendeine Dienstleistung. Es ist die Utopie eines unaufregenden Milieus ohne heftige politische Leidenschaften, in dem der Dichter sogar die Literatur als eine Dienstleistung unter anderen sehen möchte, auch sie eine eher langweilige Beschäftigung, die gleichwohl einen gewissen Nutzen für die Gesamtbefindlichkeit hat. Wie passt da die Studentenbewegung hinein, in der Enzensberger sich doch, zumindest kommentierend, engagiert hatte?

          Als „Enfant terrible“ der Linken sei er damals angesehen worden, schreibt Enzensberger, zehn Jahre älter als die Militanten von Achtundsechzig. Er habe sich wie ein Ethnologe, als teilnehmender Beobachter, verhalten. Oder war er nicht vielmehr teilnahmslos, ja kalt bei seinen Beobachtungen der Erosion der den Deutschen so lieben Autorität? Aber er kannte alle damaligen Aufgeregten, auch die künftigen Terroristen. Mit marxistischen Argumenten, erinnert er sich, habe er sie sich vom Leib gehalten. Wie Irre, die er schon in die selbstgestellten Fallen laufen sah. Und in der Tat, sein Roman über den „kurzen Sommer der Anarchie“ und seine anderen politischen Bücher jener Jahre zeigen eine intensivere Sympathie für das historische Personal als für die Gegenwart. Die russischen Anarchisten und die Assassinen fesselten ihn mehr als seine Berliner Umgebung. Und mehr als deren Manifeste und Absichten interessiert ihn heute die Psychologie des heutigen Terrorismus und dessen Logik von Zerstörung und Selbstzerstörung.

          Er ließ sich nicht gehen

          Vieles ist dabei vergessen, auch die Vehemenz mancher Auftritte in erregten Versammlungen. Manch eine aufrührerische Stelle in seinen Schriften der sechziger und siebziger Jahre ließe mühelos sich nachweisen. Aber dass Hans Magnus Enzensberger ein Außenseiter jener erregten Zeiten gewesen ist, misstrauisch beäugt von den Aktivisten, dass er nicht wirklich dazugehörte, kann von niemandem bestritten werden, der Zeuge jener Vorgänge war. Was ihn von der Linken vor allem trennte, war seine Wachsamkeit gegenüber den eigenen Worten. Er ließ sich nicht gehen, und das war damals unverzeihlich. Aber dass er nun, nach seinen distanzierten Worten über seine linke Vergangenheit, zu einem Renegaten der Studentenbewegung gestempelt werden könnte, ist nicht zu erwarten.

          Muss man alles sagen, wie Jean-Jacques Rousseau es sich zum Programm gemacht hat? Enzensberger ist kein spezieller Freund Rousseaus, des bärbeißigen Rechthabers und Radikalen. Seine Sympathie gehörte seit je Diderot, der, statt sich selbst zu schildern, lieber von seinem Schlafrock erzählte. Das Schillernde, das Unzuverlässige, das Listige, das Ungreifbare, das sind die Verhaltensideale, die Diderot vorgelebt hat und zu denen der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger sich seit je bekannte.

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