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Unkonventionelles und selbstbewusstes Auftreten: Philipp Auerbach auf einer Aufnahme aus den Fünfzigerjahren Bild: Picture Alliance

Philipp-Auerbach-Biographie : Der Überlebende vor einem Gericht der Ehemaligen

  • -Aktualisiert am

Einblicke in die deutsche Nachkriegszeit: Hans-Hermann Klare zeichnet den Lebensweg von Philipp Auerbach nach.

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          „Zweieinhalb Jahre Gefängnis für Auerbach“, titelte die F.A.Z. am 15. August 1952 auf ihrer ersten Seite und berichtete über den „größten deutschen Nachkriegsprozeß“, in dem der einstige Oberregierungsrat Philipp Auerbach unter anderem wegen Untreue und Unterschlagung am Vortag verurteilt worden war. Als die Zeitung erschien, lag der Angeklagte nach einem Selbstmordversuch bereits im Koma. Auerbach hatte sich noch in der Nacht aus Verzweiflung über das Urteil vergiftet. Die Rettungsversuche der Ärzte waren vergeblich. Der 45-Jährige starb nur wenige Stunden später.

          Sieben Jahrzehnte nach diesen Ereignissen widmet sich erstmals eine umfangreiche Biographie dem Schicksal des 1906 in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Hamburg geborenen Philipp Auerbach, der die nationalsozialistische Verfolgung und das Lager Auschwitz überstand und sich nach Kriegsende dennoch entschied, in Deutschland zu bleiben. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Überlebenden war er von einer Zukunft jüdischen Lebens im Land der Täter überzeugt und engagierte sich unter anderem als Mitglied des ersten Zentralrates der Juden in Deutschland für einen Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden. 1946 gründete er eine Zeitung, die bis heute als „Jüdische Allgemeine“ existiert. „Dieses Gemeindeblatt ist ein erster Schritt in die Freiheit, ein weiterer Schritt für den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Deutschland“, schrieb er im Leitartikel der ersten Ausgabe.

          Auerbach übernahm zudem wenige Monate nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald zunächst für kurze Zeit in Düsseldorf und danach für fünf Jahre in München Funktionen in der öffentlichen Verwaltung, um für die vielen mittellosen „Displaced Persons“ (DP) in den Besatzungszonen Entschädigungen, bessere Lebensbedingungen in den Lagern und schließlich Möglichkeiten zur Auswanderung vor allem in das britische Mandatsgebiet Palästina und später nach Israel zu organisieren. Zwischen 80 000 und 120 000 jüdischen Überlebenden hat er allein in Bayern bei der Ausreise geholfen, für viele Menschen erstritt er Wiedergutmachungszahlungen.

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