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Hannibal Lecter : Porträt des Künstlers als Kannibale

Der berüchtigte Hannibal Lecter aus dem „Schweigen der Lämmer“, der Graf Dracula der Computer-Ära, ist ein Ungeheuer mit Vergangenheit. In seinem neuen Roman erzählt Thomas Harris, warum es mit Hannibal kein gutes Ende nehmen konnte.

          4 Min.

          Daß er kein leichtes Leben hatte, wußten wir ja von Anfang an: Hannibal Lecter, der Graf Dracula der Computer- und Handy-Ära, wie Stephen King ihn genannt hat, ist ein Psychopath mit vielen Talenten, ein außerordentlich kultivierter Massenmörder und ein Liebhaber der schönen Künste, die er um eine kannibalistische Variante erweitert hat. Hannibal, so hat ihn sein Schöpfer Thomas Harris von Anfang an angelegt, ist ein interessantes Monstrum, also ein Ungeheuer mit Vergangenheit.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt wird diese Vergangenheit auf 370 Seiten enthüllt: „Hannibal Rising“, der vierte Roman von Thomas Harris, in dem Lecter eine Rolle spielt, erscheint heute in den Vereinigten Staaten und morgen in der Übersetzung von Sepp Leeb im Verlag Hoffmann und Campe. Die englischsprachige Startauflage beträgt 1,3 Millionen Exemplare, in Deutschland hat Harris bislang fünf Millionen Bücher verkauft. Peter Webbers Verfilmung, an der Harris als Drehbuchautor beteiligt ist, kommt im nächsten Februar in die Kinos.

          Einfühlung ins Unmenschliche

          Bislang speiste sich der Reiz dieser Figur nicht zuletzt aus dem Geheimnis, das sie umgab: Lecter war eine unergründliche Figur des Schreckens, die nicht ohne sympathische Züge auszukommen brauchte, kein gebrochener, tragischer Held, sondern die Verkörperung völliger Unberechenbarkeit. Daß er Clarice Starling im „Schweigen der Lämmer“ soeben noch geholfen hatte, einen Serienmörder zu fassen, mußte für die nächsten Bücher nicht viel zu bedeuten haben. Lecter verachtete zwar den Burschen, den die FBI-Agentin jagte, weil er jungen Frauen die Haut abzog, um sich ein Kleid daraus zu schneidern, aber das hieß nicht unbedingt, daß er Starling so sehr oder so wenig schätzte, daß er sie im nächsten Buch vom Tellerrand geschubst hätte. Was wissen wir schon, was im Inneren eines wankelmütigen Monstrums vor sich geht. Daß wir es nicht wissen können, macht den Reiz solcher Bücher aus. Ihre Lektüre dient nicht zuletzt der unterhaltsamen Einfühlung ins Unmenschliche.

          „Hannibal” läßt ihn nicht los: Thomas Harris
          „Hannibal” läßt ihn nicht los: Thomas Harris : Bild: AP

          Nur allzu unmenschlich darf es nicht sein: Wir können uns das Böse nun einmal nicht ohne das Gute vorstellen. Der geniale Kunstgriff von Harris war es, Lecter als Übermonstrum und zugleich als Perversen minderen Ranges vorzustellen. Neben Buffalo Bill, dem mottenzüchtenden Mädchenkürschner, erschien uns Lecter nämlich gar nicht mehr so krank im Kopf, im Gegenteil. Der Mann half ja dem FBI und daß er gelegentlich seine Bewacher aufschlitzte und sich an ihren Eingeweiden labte, war zwar nicht ganz richtig, aber Dr. Lecter, so legte uns der Autor nahe, wird schon seine Gründe haben. Mit Hannibal Lecter ließ Harris dem edlen Wilden des neunzehnten Jahrhunderts den edlen Perversen folgen.

          Nie ohne Partitur ins Konzert

          Veredelt, überfeinert und geradezu grotesk kultiviert, so schickte Harris seinen Liebling nach Florenz, wo er als Dante-Spezialist lebte, Sonette zitierte, manierliche Kohlezeichnungen berühmter Kirchen anfertigte und nie ohne Partitur ins Konzert geht. Einem Intimfeind, der ihm besonders am Herzen lag, sägte er so vorsichtig die Schädeldecke auf, daß sein Besucher mitansehen konnte und mußte, wie Lecter Teile des Hirns verspeiste. Die arme Clarice Starling wurde unter Drogen gesetzt, damit sie Lecter bei dem schaurigen Mahl Gesellschaft leistet. Schon damals lag die Vermutung nahe, daß wir es mit einem schwer degenerierten Angehörigen des Hochadels zu tun hätten und Lecter, der ja allein schon durch seinen Namen immer irgendwie amerikanisch wirkte, in Wirklichkeit ein Kind des alten Europa sei. Und tatsächlich verriet Harris im Roman andeutungsweise, daß Lecter aus Litauen stammt, wo er als Kind so schreckliche Dinge erleben mußte, daß er darüber, wie soll man sagen, aus dem Gleichgewicht geriet: Der kleine Hannibal mußte mitansehen, wie seine Schwester Mischa verspeist wurde.

          Viele Leser des Romans „Hannibal“ haben sich damals, also 1999, darüber geärgert, daß Harris scheinbar redselig ein so wichtiges Detail ausplauderte und dadurch Gefahr lief, den geheimnisvollen Lecter auf ein traumatisches Kindheitserlebnis zu reduzieren. Jetzt, sieben Jahre später, zeigt sich, daß Harris etwas ganz anderes im Sinne hatte. Er wollte andeuten, wie hoch er sich die Latte für seinen nächsten Roman legen würde: Hannibal sollte eine Vergangenheit, eine Kindheit und Jugend erhalten, eine Familie und eine Ausbildung. Kurzum, Harris plante das Porträt des Künstlers als junger Kannibale, ein Buch also, das das Rätsel lösen würde, den Unergründlichen aber nicht entzaubern durfte - keine ganz leichte Sache.

          Hitlers Truppen in Litauen

          Harris zieht sich routiniert aus der Affäre, mehr aber auch nicht. Das Buch ist spannend, viel schlanker und ökonomischer als der doch arg überladene Vorgänger „Hannibal“ - aber ein atemraubender Thriller ist es nicht geworden. Der Roman setzt ein, als Hitlers Truppen in Litauen einmarschieren und Hannibals Familie Burg Lecter verläßt, um Zuflucht in einem entlegenen Jagdhaus zu suchen. Lecters Urahn, Hannibal der Schreckliche, hat in der Schlacht von Tannenberg die Deutschritter geschlagen und seine Burg von den Gefangenen erreichten lassen. Zwangsarbeit also? Ja, aber Harris vergißt nicht zu erwähnen, daß Hannibal, der vielleicht doch nicht ganz so Schreckliche, sein Versprechen hielt und den Rittern nach getaner Arbeit die Freiheit schenkte. Die meisten blieben, der „vorzüglichen Verpflegung wegen“.

          Ein halbes Jahrtausend später kommen die Deutschen wieder, und bei einem Feuergefecht zwischen Russen und Deutschen müssen alle Bewohner des Hauses ihr Leben lassen, nur Hannibal und seine kleine Schwester können sich retten, bis sie marodierenden litauischen Kollaborateuren in die Hände fallen. Die kleine Schar, angeführt vom widerwärtigen Vladis Grutas, wechselt Partei und Uniform je nach Bedarf und gibt sich plündernd, mordend und vergewaltigend als Sanitätseinheit aus.

          Hannibal als hochbegabtes Kind

          Als die Litauer vom Schnee eingeschlossen werden und die Nahrungmittel aufgebraucht sind, passiert das Schreckliche. Hannibal kann entkommen, hat aber Gedächtnis und Sprache verloren und wächst als Insasse eines russischen Waisenhauses auf, das jetzt auf der Burg seiner Väter untergebracht ist. Als er in Paris, wohin ihn sein Onkel eines Tages holt, die Sprache wiederfindet, ist der Junge dreizehn und hat bereits seinen ersten Mord hinter sich. Sein Opfer ist ein Metzger, der Lady Murasaki, Hannibals exotische Tante und seine erste Liebe, beleidigt hatte. Von nun liegt Hannibals Bestimmung klar zutage: Er muß sein Gedächtnis wiedererlangen, um die Mörder seiner Schwester zu finden und zu töten.

          Auschwitz und Hiroshima, Vichy, Kollaboration und Resistance, Kunstraub, Drogenhandel und vieles andere mehr spielt in diesem Roman eine Rolle, der zwar alle Klischees streift, aber Frontalzusammenstöße zu vermeiden weiß. Harris zeigt Hannibal als hochbegabtes Kind, das als junger Mann all seine Talente in den Dienst der Rache stellt und einen seiner Folterknechte nach dem anderen aufspürt und exekutiert. Verspeist wird indes nur einer von ihnen. Wie Hannibal der Rächer zu Hannibal dem Kannibalen wurde, wird uns Thomas Harris vermutlich im nächsten Buch verraten. Immerhin wissen wir schon jetzt, warum Hannibal, dessen Schwester von Kollaborateuren verspeist wurde, selbst zum Kollaborateur wurde: Clarice Starling muß ihn an Mischa erinnert haben.

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