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H.G. Wells : Imperialist der Vernunft

Wach- und Wahrträumer der Moderne: Herbert George Wells Bild: AP

Die Frage nach der Möglichkeit einer politischen Verwirklichung der technischen Vernunft ist weiterhin offen. Warum wir den Schriftsteller H. G. Wells, der vor über hundert Jahren „Krieg der Welt“ schrieb, wieder lesen müssen.

          6 Min.

          Seine Lebenszeit, 1866 bis 1946, umfaßt eine der gedrängtesten, widerspruchsreichsten und katastrophalsten Epochen abendländischer Geschichte, in deren Fieberkurve zwei Weltkriege nur die offensichtlichsten Extrempunkte sind. Die Literatur, die wir Herbert George Wells verdanken, spielt von der Heraufkunft eines neuen technokratischen Macchiavellismus über die kulturellen Auswirkungen rasant wachsender Mobilität in Zeit und Raum bis hin zum künstlichen Leben alle Wach- und Wahrträume durch, die uns umtreiben, seit wir modern wurden.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Sein entsetzliches Denkbild vom "Krieg der Welten", von beispiellosem Massenmord und begleitendem Massenentsetzen, das jetzt zum wiederholten Mal mit den Mitteln der dazu passenden Massenmedien als Unterhaltungsstoff bearbeitet wurde, hat H. G. Wells gemalt, um seinen Zeitgenossen klarzumachen, unter welcher Art von Evolutionsdruck sie standen: Wenn ihr der großen Industrie und der planetarischen Technik nicht gewachsen seid, dann sind es vielleicht andere, Invasoren vom Mars oder aus der Zukunft. Er war nicht davon überzeugt, daß man diese Botschaft verstehen würde, denn er hatte von ihren Adressaten keine hohe Meinung: "Ein fadenscheiniges Häufchen, diese Modernen".

          Phantastik aus den Quellen der Aufklärung

          Uns Nachgeborenen fällt es schwer herauszufinden, ob dieser Seufzer eher ein vernünftiges oder ein romantisches Urteil war und ob demnach das Rezept, das Wells seinen Lesern gegen jene Fadenscheinigkeit verschrieben hat, eher als haltbare moralische Medizin oder als verderblicher Zaubertrank gesehen werden muß, den man im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht mehr gebrauchen kann.

          Moderne Intellektuelle haben vielfach das Phantastische und das Vernünftige als Gegensätze, bestenfalls als Pole eines dialektischen Prozesses sehen wollen, der auf etwas Drittes, Ganzheitliches hinauswill. Vielleicht aber läuft der Hase historisch ganz anders: Was wäre, wenn nur eine Zivilisation, die so etwas wie eine Aufklärung erlebt hat, überhaupt Phantastik hervorbringen könnte? Ist denn nicht denkbar, daß nur eine aufgeklärte, mehr oder weniger wissentlich vom Naturzusammenhang emanzipierte Zivilisation wissen kann, daß sie Mythen besitzt, nämlich kulturelle Rudimente des Zustands, der vor jener Aufklärung bestand und sie erst ermöglichte? Was, wenn nur aus solchen Residuen, soweit sie in Kunst überführbar sind, Phantastik werden kann?

          Bei den Griechen, von denen sich das Abendland herschreibt, und bei den Römern, die das griechische Urbild ihrer Zivilisation mit imperialem Bombast überbauen wollten, ist es tatsächlich so gewesen: Ihre großen phantastischen Dichtungen waren möglich, weil jene Völker auch Naturphilosophie, Sophistik und Politik besaßen, die drei Quellen - und immer wieder auch die drei wichtigsten Zerfallsprodukte - jeder Aufklärung.

          Für kleine Bankangestellte und deren Freundinnen

          Wells war davon überzeugt, daß seine Leser den Folgen ihrer eigenen Aufgeklärtheit nur dann würden begegnen können, wenn sie mit den Rudimenten des ihrer Kultur wie eine säkulare Erbsünde anhaftenden europäischen Mittelalters fertig würden; entweder durch Brandrodung - 1943 befürwortete Wells einen Luftschlag gegen Rom, das er als Zentrale des von der Moderne umzingelten Restmittelalters sah - oder indem sie aus dem, was Religion gewesen war, eine neue, modernistische Mythendichtung destillierten. "Das Katholische" hat er wie alle aufstiegswilligen und -fähigen Kleinbürger so intensiv als vorbürgerlich verabscheut, wie abstiegsbedrohte oder bereits abgestiegene Adlige und deren Sympathisanten, etwa die deutschen Romantiker und Nazarener, es aus den genau entgegengesetzten Gründen gelobt haben.

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