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Im Gespräch mit Guido Graf : Beschneidet Amazon die Gedankenfreiheit?

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Viele Autoren schreiben auf Twitter täglich Mikro-Texte, die sich aufeinander beziehen und sich ins Verhältnis zum Weltgeschehen setzen. Können diese Metatexte den Roman ablösen?

Nein, das ist nie eine Frage der Ausschließlichkeit. Immer wieder werden von der einen oder anderen Seite Antagonismen aufgebaut, um die eigene Position attraktiv zu machen. Twitteratur als Alternative zum Schmöker zu setzen, ist albern. Andersrum gilt das genauso. Erst wenn sich beides überschneidet, wird es spannend. Gute Literatur ist solchen schlichten Oppositionen voraus. Und das kann auch in dicken Büchern geschehen, auch von deutschen Autoren, wie in jüngster Zeit Christopher Eckers tausendseitigem „Fahlmann“ oder kürzlich Frank Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“.

In der Musikbranche haben sich mit Streamingdiensten neue Zahlmodelle entwickelt. Warum tut sich Literatur schwer mit neuen Vertriebs- und Bezahlformen.

Das Streamen von Literatur würde ja gerade etwas Ähnliches wie die neue Vergütung von Amazon voraussetzen. Das funktioniert in einem bestimmten Bereich sicherlich ganz gut. Wo man etwas Abgeschlossenes hat, eher nicht. Das muss auch in Bezug auf Nutzungssituationen gedacht werden. Wenn ich für ein Konzert Eintritt bezahle und nach zehn Minuten gehe, bin ich das Geld los. Wenn ich aber beim Joggen Musik hören, könnte es sein, dass ich nur für die Zeit bezahle, in der ich das Angebot nutze. Man kann sehen, ob sich ähnliche Rezeptionssituationen auf Literatur übertragen lassen: Bin ich auf einer Lesung, oder lese ich auf der Couch? Gehe ich auf ein Literaturfestival, oder höre ich mir eine Lesung online an?

Spielt Literatur zum Hören abseits von Lesungen eine Rolle im Literaturbetrieb?

Seit 2009 entwickle ich gemeinsam mit Studierenden die Online-Plattform Litradio. Die Nutzungszahlen sagen eindeutig: Ja, für viele Menschen spielt das eine Rolle. Aber was heißt „viele“? Wir sprechen hier ja immer von Nischen, kleinen und größeren. Und ich bin sicher, dass es eine kleine Anzahl von Menschen gibt, die sich manche Mitschnitte gerne auch dann anhören würden, wenn es sie nur exklusiv und gegen Bezahlung oder Spende gibt. Es gibt ja bereits vielfältige Bezahlsituationen und Monetarisierungsformen, die aus der Not geboren sein können oder eben schlicht ihrer jeweiligen Nische entsprechen. Selfpublishing ist nur ein Beispiel. Extremer und konsequenter arbeitet etwa Urs Engeler. Der konnte seinen Lyrikverlag nur betreiben, weil er lange Jahre einen Mäzen hatte. Mittlerweile erscheinen seine Bücher als „roughbooks“, ohne ISBN-Nummer, also komplett am Buchhandel vorbei. Das ist nicht tragisch, sondern eine Alternative, für diese Bücher genau die richtige.

Samsung hat Anfang Juli die App „Re:Shakespeare“ veröffentlicht, mit der Schüler über interaktive Musikvideos und lyrische Wettbewerbe für die Werke Shakespeares gewonnen werden sollen. Was bedeuten solche digitalen Angebote für die Literaturvermittlung?

Ich finde das großartig. Dieses Angebot setzt nur konsequent fort, was Genius.com vorgemacht hat. Diese Seite begann einst als Rap.genius und bietet mittlerweile zahlreiche Sparten, unter anderen auch Lit.genius, wo Leser sich gegenseitig Texte erklären. Hier versammelt sich ein eher jüngeres Publikum aus Pop-affinen Kontexten, um neben Kendrick Lamar oder J Dilla gemeinsam auch Shakespeare, Dante oder Jonathan Franzen zu lesen und zu diskutieren. Das ist zukunftszugewandtes Social Reading!

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