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Günter Grass im Wahlkampf : Der Schneckenreiter

Gemeinsame Sache: der Dichter und sein Kanzler Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wahlkampf als Zeitreise: Seit vierzig Jahren wirbt Günter Grass für die SPD. Auch diesmal wettert er gegen die „Petzliesen“ und „Spaßvögel“ der Herausforderer: Auf Tour mit einem wahlkämpfenden Dichter.

          Es war einmal ein Mann, der ließ Frau und Kinder allein zuhause und zog hinaus in die Welt, um für eine Sache zu trommeln, die er zu der seinen gemacht hatte. Damals war alles noch jung: das Land, der Mann, die Sache. Und jedes Wort, das er aus seinem Mund auf das straff gespannte Fell der Trommel fallen ließ, machte einen solchen Lärm, das im ganzen Land darüber gesprochen wurde. Da hatte der Mann seine Freude, und auch im Palast, wo damals kein guter und auch kein schlechter König herrschte, sondern die Große Koalition, nannte man seinen Namen auf den Fluren und Gängen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Intercity, der uns von Fulda nach Dresden bringt, erinnert sich Günter Grass an jenen Abend in Herbert Wehners Wohnzimmer, als er den Alten von seinem Wahlkampfeinsatz, den „Wahlkontoren“, überzeugen sollte. „Wehner spielte das Spiel ,wer als erster das Thema anspricht, hat verloren'. Das Spiel konnte ich auch. Es war schon fast Mitternacht, als er mich plötzlich anbrüllte: ,Sie haben doch was gegen mich!'. Erst danach konnten wir über die Wahlkontore reden und am nächsten Morgen setzte sich Wehner an seine Schreibmaschine und gab uns mit ein paar Zeilen seinen Segen.“

          Für wen stehste denn da?

          So also hat alles angefangen? Seit vierzig Jahren zieht Günter Grass nun für seine SPD in den Wahlkampf. Fünfzig Auftritte waren es 1965, vier Jahre später hatte sich die Zahl der Wahlkampfauftritte verdoppelt und seine Kinder stellten ihm die Fragen, die Kinder immer stellen, wenn sie ihre Väter nicht mehr zu Gesicht bekommen: „Und wohin gehste jetzt wieder? Und was machste da wirklich? Und für wen stehste denn da? Und was bringste mit?“ Grass hat diese und andere Fragen 1972 in seinem Wahlkampfdiarium „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ notiert, einer fortdauernden Liebeserklärung an das Kriechtier, das ihm den Fortschritt verkörpert. Den Schneckentönen lauscht er noch immer, als wären es Sirenengesänge. Mißklänge werden erwartet und als unvermeidlich hingenommen.

          1979: Wahlkämpfer Grass mit Brandt und Schmidt

          Für wen stehste denn da? Die Antworten fallen heute schwerer als damals. Schröder ist nicht Brandt. Außerdem muß Grass sich die Fragen jetzt selbst stellen, denn auch seine Enkel sind schon im wahlfähigen Alter und haben andere Sorgen. Vor ein paar Tagen sind zwei von ihnen ins Museum für Arbeit im Hamburger Arbeiterviertel Barmbek gekommen, um dem Großvater im Wahlkampf zu lauschen. Henning Voscherau sitzt kerzengerade in der ersten Reihe, ganz hinten hängt Harry Rowohlt lässig in Thekennähe, irgendwo dazwischen hocken aufgeregt zwei noch unentschlossene Jungwählerinnen, von denen die eine dem Großvater am späten Abend sagen wird: „Na gut, du hast mich. Ich wähl' Espede!“ Grass erzählt das mit Stolz und Freude: Erfolgserlebnis eines Wahlkämpfers, der auch als Großvater nicht vergißt, daß jede Stimme zählt.

          Die „Petzliese“ und der „Spaßvogel“

          Sechs Auftritte absolviert Grass in diesem verkürzten und überhitzten Wahlkampf. Mit Thierse spricht er in Berlin, das Heimspiel in Lübeck ist obligatorisch, Hamburg zählt zur Nachbarschaft. Überall hält er dieselbe Rede: Attacken gegen die „Petzliese“ Merkel und den „gerupften Spaßvogel“ Westerwelle, maßvolle Kritik an der SPD, die er 1993 im Streit über das Asylrecht verließ, wird nicht vergessen. Die Passage gegen Stoiber, den „politischen Amokläufer“, verliest er in München mit besonderem Vergnügen. Sie werden auch im sächsischen Bischofswerda gut ankommen, der vorletzten Station der Reise, die am heutigen Freitag mit einer Kundgebung des Bundeskanzlers auf dem Berliner Gendarmenmarkt ihr Ende finden wird.

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