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Günter Grass : Ich war dabei

  • -Aktualisiert am

Günter Grass mit seinem neuen Buch Bild: dpa

Im vergangenen August enthüllte Günter Grass der erstaunten Weltöffentlichkeit, er habe der Waffen-SS angehört. Sein (unfreiwilliges?) Geständnis verarbeitet er nun mit dem Gedichtband „Dummer August“. Es ist eine Anklageschrift gegen seine Kritiker, die dem Leser die Augen tränen lässt.

          Günter Grass war Angehöriger der Waffen-SS. Was aus diesem Geständnis im vergangenen August folgte, ist bekannt. Der nun vorliegende Band mit Gedichten - man selber würde zögern, sie so zu nennen; eine knappe editorische Notiz weist sie als solche aus - ist ganz offensichtlich als Reaktion darauf entstanden, „im Sommer und Herbst 2006“. Viel ist darin vom Wald die Rede, Grass malt dazu Bäume in allen Variationen und pfeift sich gewissermaßen sein Liedchen. Er hätte genauso gut „Hänschen klein“ singen können, wie er es damals, im Wald, als der Russe kam, vor Angst getan haben will.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Am bestechendsten ist noch der Titel: „Dummer August“. Das kann man entweder so verstehen, dass Grass sich hier selber anklagt; er war dumm genug, das bis dahin gut gehütete Geheimnis preiszugeben. Oder, auf den Monat bezogen, so: Dumm gelaufen, dieser August, der ja ganz anders geplant war. Dümmer nie als im August? Die Titelzeichnung zeigt ihn zirkusreif, auf dem Kopf ein spitzer Hut - womöglich gefertigt aus dem Zeitungsexemplar, mit dem alles anfing? Wieso musste dieser dumme August auch ausgerechnet im August beichten! Der Feind aller Verlogenheit, dem noch in dem in Behlendorf bei Lübeck geführten Interview das Unspießige des Nationalsozialismus gefiel („Die damals propagierte Gesellschaft war durch eine Art von Spießigkeit geprägt, die es nicht einmal bei den Nazis gegeben hatte“), hätte wissen müssen, was bei einer Beichte dieses Kalibers herauskommt: „Schon komme ich mir komisch vor, gestellt vors Schnellgericht der Gerechten.“ Nur dem SS-Veteranen erschließt sich die Pointe: Schnellgerichte waren eine Spezialität der SS, insbesondere in jenen letzten Kriegsmonaten, in denen Grass ihr angehörte.

          Bin schon gezeichnet

          Beim Weiterlesen wird deutlich, dass Grass diese Gedichte ja nicht geschrieben hat, um über seine Erfahrungen bei der SS zu berichten. Bei allen Gedächtnislücken, die er ins Feld führt - eines hat er nicht vergessen: dass es in der Waffen-SS üblich war, jedem Angehörigen die Kennung seiner Blutgruppe in den Arm zu tätowieren. Bei ihm unterblieb das: „Das soll nun nachgeholt werden; die Helden von heute bestehen darauf.“ Verwechselt er seine Kritiker von heute mit seinen Vorgesetzten bei der SS? Das Bild ist auch sonst schief: Waren denn die, die ihn damals hätten tätowieren sollen, Helden? „Aber ich halte nicht hin; bin schon gezeichnet für jeden, der lesen will.“ Er braucht auch gar nicht hinzuhalten, für die Kennzeichnung hat er mit seinem (offenbar nun doch unfreiwilligen?) Geständnis schon selbst gesorgt.

          Zirkusreif: Bildnis des Schriftstellers als dummer August

          Wie kam es überhaupt dazu? Grass, bald achtzig, gibt sich harmlos und geriet einfach, „weil leicht zu verführen, ins Erzählen“. Leider stimmt nicht alles, was er erzählt. Im Interview hatte er noch gesagt: „Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe.“ Später ließ er keine Gelegenheit aus, die SS-Sache zur Kleinigkeit herunterzureden, die sein Erinnerungsbuch nicht überschatten dürfe. Im Gedicht „Was bleibt“ - eine Anspielung auf Christa Wolf, der Grass seinen Gedichtband gewidmet hat - liest sich das nun so: „Dann aber schnitt ein Jemand, geschickt im Gewerbe der Niedertracht, einen Satz aus dem weitläufigen Gefüge und stellte ihn aufs Podest, gezimmert aus Lügen.“ Wo gehört die sechzig Jahre lang verschwiegene Nachricht „Ich war in der Waffen-SS“ hin, wenn nicht aufs Podest?

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