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Großer Auftritt für Siegfried Lenz : So jagt der Dorsch

Viel geehrt, viel gelesen, viel verfilmt, viel kritisiert: Siegfried Lenz Bild: dpa

Er übergibt seine Unterlagen dem Deutschen Literaturarchiv und wird bei einer Matinee auf der Schillerhöhe gefeiert: Siegfried Lenz, der in 39 Sprachen übersetzt wurde, blickt zurück in Marbach.

          3 Min.

          Seit sechzig Jahren schreibt Siegfried Lenz Romane, Erzählungen, Novellen. Einfach aufzuhören, weil er nichts mehr zu sagen habe, wie sein amerikanischer Kollege Philipp Roth, das kann er sich nicht vorstellen. Er sei noch längst nicht fertig, erzählte Siegfried Lenz jetzt bei seinem Besuch auf der Schillerhöhe in Marbach: „Ist man das überhaupt irgendwann? Fertig?“

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Gerade erst im März hat der vielgeehrte Schriftsteller, der zu den meistgelesenen deutschen Autoren gehört, seinen achtundachtzigsten Geburtstag gefeiert. Bei seiner Lesung im Deutschen Literaturarchiv antwortete er auf jede Frage der ihn flankierenden Gesprächspartner Ulrich Greiner und Ulrich von Bülow zugewandt und sachkundig. Dabei sprach er nicht nur in druckreifen Sätzen, sondern mehr noch, meinte man, in der Art, wie er redete, diesen ganz spezifischen, schnörkellos-norddeutschen Lenz-Ton herauszuhören: der auf unvergleichliche Art aus einem Detail am Rande eine ganze Geschichte herauszaubert – und damit Generationen von Lesern geprägt hat. Siegfried Lenz reden zu hören, das ist ein bisschen so, als würde man durch seine Erzählungen spazieren. Und durch die Geschichte der Bundesrepublik.

          Dorsch trifft Zackenbarsch

          Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs. bezeichnete es denn auch als großes Glück, dass Lenz sich dazu entschlossen hat, Marbach sein persönliches Archiv zu übergeben. Schon am Tag vor der Lesung hatte der Schriftsteller sich im Rollstuhl die grünen Archivkisten mit den Nachlässen der Autoren und Gelehrten zeigen lassen, die hier lagern. Immer wieder kann Lenz dabei auf eigene Spuren stoßen, die er in Korrespondenzen etwa mit Alfred Andersch, Paul Celan, Carl Zuckmayer und Marcel Reich-Ranicki hinterlassen hat.

          Mit dem langjährigen Literaturchef dieser Zeitung war Lenz seit ihrer ersten Begegnung 1957 befreundet. In einem Brief erinnert Lenz ihn an jenen Sommertag und an die vielen weiteren Begegnungen, „hitzigen Gespräche“, „gemeinsamen Badefreuden“, auch „Missverständnisse und die wunderbare verkürzte Verständigungs-Terminologie“. Lenz, der 1926 in Lyck im heutigen Polen geboren wurde, sollte den Gast aus Warschau 1957 für den Rundfunk interviewen.

          „Damals haben wir uns aneinander herandiskutiert“, erinnerte er sich jetzt. Die Leidenschaft des Schriftstellers für alles Maritime, die sich seit jeher in seinem Werk widerspiegelt, angefangen bei frühen Erzählungen wie „Die Flut ist pünktlich“ von 1953 über die „Deutschstunde“ bis hin zur berührenden Novelle „Schweigeminute“ von 2008, machte auch vor dem Kritiker nicht halt. Ihn porträtierte er als „Zackenbarsch“, charismatisch im Auftritt, aber fähig, seine Beute zu teilen. Sich selbst verglich er dagegen mit einem Dorsch. „Weil der Dorsch nicht immer nur seine Lieblingsbeute jagt, sondern manchmal auch mit kleineren Fischen vorliebnimmt.“

          Eine lakonische Art der Widerlegung

          Lenz hat das selbst erlebt: Denn auch wenn sein literarisches Œuvre inzwischen in neununddreißig Sprachen übersetzt ist und eine Weltauflage von fünfundzwanzig Millionen Büchern erreicht hat, ist er von der Kritik nicht immer nur gefeiert worden. Den Büchner-Preis hat er nie bekommen, und sein bekanntestes Buch „Deutschstunde“ über das Verhältnis von Kunst und Macht wurde bei Erscheinen 1968 von Peter Härtling unter Kitsch-Verdacht gestellt. Das Publikum hat das nicht gekümmert, bis heute hält es Lenz die Treue, wie auch die Marbacher Matinee eindrucksvoll beweist, die trotz strahlenden Sonnenscheins bis auf den letzten Platz besetzt ist. Auch das Fernsehen ist gekommen.

          Auf Ulrich Greiners abschließende Frage zur jüngsten Nolde-Diskussion anlässlich der Frankfurter Ausstellung reagiert Lenz gelassen. Nolde, den er im Roman durchaus ambivalent gehalten hat, sei ein problematischer Mensch gewesen. Und politisch habe er sich, nun ja, „ein bisschen katastrophal“ verhalten. Wer aber kann darüber schon Gericht halten, zumal wenn kein Gericht einberufen wurde?, fragt Lenz. Was er Nolde vorwirft, ist die Tatsache, dass sich der Künstler, der erst mit den Nationalsozialisten gemeinsame Sache machte, um dann doch mit einem Malverbot belegt zu werden, sich nach dem Krieg dafür nie entschuldigt hat.

          Am Meer, so hatte Lenz kurz vorher erzählt, reize ihn vor allem „die lakonische Art der Widerlegung“. Sich damit auseinanderzusetzen, wie rasch die Verhältnisse sich ändern können, nur deshalb, weil ein Taifun über das Land hinwegfegt, davon handeln im Grunde alle Geschichten von Siegfried Lenz.

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