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Grass und Polen : Nachlassender Schweigezwang

Blechtrommler in Danzig Bild: picture-alliance / dpa

Eigentlich wäre der Fall Grass ein gefundenes Fressen für jene Polen, die im Wahlkampf die Angst vor den Deutschen schüren wollen. Doch gibt es in der Debatte über Grass durchaus Stimmen gegen die emotionale Mobilmachung.

          Erzbischof Józef Michalik, der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, steht nicht im Ruf überbordender Sympathien für die Linke - und dennoch hat er dieser Tage Günter Grass verteidigt, den deutschen Nobelpreisträger, der mit seinem spät gestandenen Dienst in der Waffen-SS die Gemüter erhitzt. „Größer“ sei Grass durch sein Bekenntnis geworden, sagte Michalik am Montag, größer als Mensch und größer als Schriftsteller.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sosehr die Worte des Erzbischofs aus dem konservativen Osten Polens auch mit den Prinzipien der christlichen Barmherzigkeit übereinstimmen, in der Sommerinszenierung der regierenden katholisch-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) wirken sie störend. Eigentlich wollte die Partei der Zwillingsbrüder Kaczynski, des Staatspräsidenten Lech und des Ministerpräsidenten Jaroslaw, vor den Kommunalwahlen im Herbst ein bewährtes Schauspiel neu aufführen: das Epos von der katholischen Rechten, die das Vaterland vor Deutschland rettet.

          Wer Henker war und wer Opfer

          Der erste Akt war im Juli die „Kartoffelaffäre“, in der Präsident Lech Kaczynski eine Reise nach Deutschland absagte, nachdem ihn die deutsche „tageszeitung“ mit einer Kartoffel verglichen hatte. Einen Monat später sollten die nächsten Akte folgen: die empörte Reaktion auf die Berliner Ausstellung „Erzwungene Wege“, die unter anderem auch das polnische Tabuthema, die Vertreibung der Deutschen nach 1945, darstellt, sowie - als unverhofftes Geschenk - die Debatte über Grass. Ministerpräsident Kaczynski warf in einer emotionalen Rede im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof bei Danzig den Organisatoren der Ausstellung vor, sie wollten in bezug auf den Zweiten Weltkrieg „verwischen, wer Henker war und wer Opfer“, und der PiS-Abgeordnete Kurski, ein früherer Wahlkampfmanager Lech Kaczynskis, verlangte, Grass die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Danzig abzusprechen.

          Michaliks Weigerung, sich dieser Attacke anzuschließen, ist eine kleine Sensation. Der Erzbischof gehörte bisher eigentlich nicht zu denen, die den antideutschen (und antisemitischen) Tendenzen im polnischen Klerus besonders vehement entgegentraten. Daß er nun die christliche Vergebungsethik der nationalkatholischen Kampfraison vorzieht, ist ein Symptom dafür, daß eine Dynamik nachläßt, mit der die Kaczynskis in den vergangenen Jahren ihren politischen Aufstieg bewerkstelligten: Wer gegen Deutschland mobilisiert, gewinnt, weil kein Politiker es wagen wird, durch mäßigende Worte in den Verdacht der patriotischen Unzuverlässigkeit zu kommen. So hatte die PiS vergangenes Jahr die Parlaments- und Präsidentenwahlen gewonnen. Als sie die Forderung erhob, Kriegsreparationen von Deutschland zu verlangen, wagte kaum ein Politiker zu widersprechen. Selbst die eigentlich Deutschland zugeneigte liberal-konservative Bürgerplattform zog es damals vor, mit den Wölfen zu heulen.

          Leihgeber auf Linie

          Michaliks gütige Worte zur Causa Grass sind nicht das einzige Zeichen dafür, daß dieser Schweigezwang seine Wirkung verliert. Schon während der „Kartoffelaffäre“ hatten alle acht ehemaligen polnischen Außenminister seit der Wende, unter ihnen der konservative, hochangesehene Wladyslaw Bartoszewski, in einem offenen Brief die Reaktion der Brüder Kaczynski auf die Satire der „taz“ als „schädlich“ kritisiert. Zunächst hatte aber trotz heftiger Attacken von ganz oben nur einer der sieben polnischen Leihgeber für die Berliner Vertreibungsausstellung - das städtische Museum Warschau - seine Leihgaben zurückverlangt. Angeschlossen hat sich nun freilich auch die polnische Küstenwacht, von der die Schiffsglocke des versenkten Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“ kommt: Sie fordert laut einem Sprecher des Bundes der Vertriebenen die Glocke inzwischen zurück.

          Auch in der Debatte über Grass gibt es trotz der bevorstehenden Wahlen Stimmen gegen die emotionale Mobilmachung. Adam Michnik, einst ein Vordenker der oppositionellen Gewerkschaft „Solidarnosc“, wies am Mittwoch in der von ihm gegründeten Zeitung „Gazeta Wyborcza“ auf Grass' jahrzehntelangen Einsatz für die Versöhnung von Polen und Deutschen hin und stellte fest, der Drang, sich der „Hetzmeute“ gegen ihn anzuschließen, sei ein Zeichen menschlicher Schwäche. In Danzig fand Bürgermeister Adamowicz von der Bürgerplattform den Mut, der Forderung, Grass die Ehrenbürgerschaft zu entziehen, offen zu widersprechen - und den Autor nach Danzig einzuladen.

          In der Bevölkerung verblaßt die alte Angst vor Deutschland ohnehin seit langem. Drei Viertel der Polen hätten Deutsche heute gerne als Nachbarn, und zwei Drittel würden sogar einen deutschen Schwiegersohn akzeptieren. Im Verlauf der vergangenen dreißig Jahre ist der Anteil der Polen, die „die Deutschen“ sympathisch finden, von sieben auf 44 Prozent gestiegen, und die radikalste der antideutschen Parteien, die Liga Polnischer Familien, ist Umfragen zufolge seit der vorigen Wahl unter die Fünf-Prozent-Hürde gerutscht. Die Zwillinge Kaczynski aber tun, was Süchtige tun, wenn die Droge nicht mehr wirkt: Sie erhöhen die Dosis.

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