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Grass trifft Mailer : Der Gipfel der alten Kämpfer

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Punkt 1, Grass' Mitgliedschaft in der Waffen-SS: „Hätte ich in seinen Schuhen gesteckt“, sagt Mailer, „wäre ich wohl bei der SS gelandet.“ Eine Begebenheit, die ihm nicht weiter zu schaffen macht. Mit Punkt 2, Grass' Schweigen über die Jahrzehnte hinweg, kann er sich nicht ganz so leicht anfreunden. Also hat er in seinem eigenen Leben herumgekramt. Gäbe es etwas, worüber er nie schreiben wollte? Adele! Auf seine zweite Ehefrau ging er mit dem Messer los. Nie hat er das literarisch verarbeitet, nie würde er es tun. Er wäre einfach überfordert, die Komplexität seiner Gedanken bei der Tat in Worte zu fassen. Könnte es bei Grass nicht ähnlich gewesen sein? Wie er, fabuliert Mailer, war Grass nicht in der Lage, von dem Trauma zu erzählen, und im Laufe der Jahre gab es zu viel zu verlieren, wenn er sich gleichwohl dazu durchgerungen hätte. Was Mailer geflissentlich außer Acht läßt: Grass hätte über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS außerliterarisch Auskunft geben können. Was Mailer mit Adele anstellte, war nie ein Geheimnis.

„Ein oftmals ärgerliches Werk“

So viel Verständnis gegenüber dem säumigen Nobelpreisträger brachten die meisten amerikanischen Kritiker jedenfalls nicht auf. Am Morgen erst hatte die „New York Times“ ihre Rezension des Memoirenbandes veröffentlicht. „Verbal blendend“, befand William Grimes, aber auch „ein oftmals ärgerliches Werk“. Das Buch sei mit derart viel „Könnte-so-passiert-sein“ und „Mag-so-gewesen-sein“ angefüllt wie ein Dutzend Märchen der Brüder Grimm. Dann zitiert Grimes die Schwester von Grass, die die Erzählung ihres Bruders über die gemeinsame Kriegsgefangenschaft mit Joseph Ratzinger schlicht als Lüge abtut. Der Kommentar des Rezensenten fällt nicht weniger deutlich aus: Vermutlich sei es eine Lüge, schreibt Grimes und fügt hinzu: „Es wäre nicht das erste Mal.“

Auch im „Boston Globe“ hat Richard Eder Probleme mit der Vagheit vieler Aussagen. Grass' langes Schweigen deutet er als Folge des Schweigens, das er als Jugendlicher in Uniform und als „begeisterter kleiner Nazi, wenn auch kein Fanatiker“ an den Tag legte. Von diesem ersten Schweigen geprägt, bringe er es nun nicht fertig, sich in dem jungen Mann von damals wiederzuerkennen. In der von Mailer mitbegründeten, immer noch zuverlässig linken „Village Voice“ zeigt sich James Ledbetter ähnlich bekümmert. Er behauptet zwar, es sei ihm in gewisser Hinsicht egal, dass Grass in der Waffen-SS war. Aber er zweifelt auch daran, dass der Schriftsteller überhaupt bereit sei, sein „innerstes Denken“ in diesen „glitschigen Memoiren“ zu offenbaren. Stattdessen will Ledbetter nur die „Nullachtfünfzehnentschuldigung von Millionen“ vernehmen.

Die Ebbe der Entbehrungen

Doch, es gibt auch Freundlicheres über „Peeling the Onion“ zu lesen. Natasha Randall schwärmt geradezu in der „Los Angeles Times“ von einem „wunderschönen Bericht über die Ebbe der Entbehrungen und die Flut der Linderung, sowohl physischer wie auch metaphysischer Art“. Skepsis und Verwunderung herrschen bei den amerikanischen Rezensenten jedoch vor. In „The Jewish Week“ beklagt sich Thane Rosenbaum gar, dass Grass in dem Buch „nicht besonders zerknirscht“ erscheine und sich zu keiner Entschuldigung aufraffe: „Obwohl Romanschriftsteller, sucht er keine höhere moralische Ebene zu erklimmen und dringt zu keiner größeren Selbsterkenntnis vor als jeder kleine Bürokrat. Wie Adolf Eichmann oder selbst wie der vor kurzem verstorbene Kurt Waldheim gibt Grass an, nur Befehle ausgeführt zu haben.“ Der einzige Lichtblick: Im Gegensatz zu so vielen anderen habe er am Ende doch die Wahrheit eingestanden, warum auch immer.

Solch kritische Töne fehlen während des deutsch-amerikanischen Gipfeltreffens in der Public Library. Wenn Grass und Mailer sich auf dem Podium schließlich zum Duo vereinigen, setzt sich das Fest der Liebe, das Grass mit Martin Walser in Deutschland gefeiert hatte, in Amerika mit Mailer fort. Die beiden alten Herren hören einander schlecht, aber sie verstehen sich prächtig. Über Hitler und seine Kunstanwandlungen spekulieren sie noch ein bisschen, über den Existentialismus und das Risiko und Abenteuer des Schreibens. Niemand soll ihnen je sagen dürfen, wann sie etwas zu schreiben haben. „Wir folgen unserem Instinkt“, sagt Mailer. „Es ist unser Recht, selbst zu bestimmen, wann wir etwas schreiben“, sagt Grass. „Göttliche Strafe“, sagt Mailer, um eine Ahnung von der Schriftstellerei zu geben. „Ich bin noch immer zornig“, sagt Grass, um jeden Gedanken an Altersmilde zu bannen. Anschließend Fotos für die Nachwelt, wieder Zarathustrafanfare, wieder Champagner. Im Voraus signierte Bücher sind am Ausgang zu haben.

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