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Grass in New York : Beim Verlesen der Zwiebel

  • -Aktualisiert am

Auf Lesewoche in New York: Günter Grass Bild: dpa

Konfession eines Nobelpreisträgers: Günter Grass stellte in einem jüdischen Kulturzentrum seine Autobiographie vor und beantwortete die Fragen der Amerikaner auf seine Art. Die Unruhe im Saal wuchs bedenklich.

          Den Auftakt gibt er nicht irgendwo. Günter Grass beginnt seine New Yorker Lesewoche, die ihm im Voraus ausverkaufte Säle beschert und ein für einen ausländischen Schriftsteller in diesen Breiten geradezu sensationelles Interesse weit über die Literaturwelt hinaus auslöst, im „92nd Street Y“. Diese traditionsreiche Sport-, Kultur- und Weiterbildungsstätte, eine erste Adresse im literarischen Vortragsgeschäft, versteht sich selbst als „stolze jüdische Organisation“, die seit ihrer Gründung vor 133 Jahren jüdischen Glauben und jüdische Kultur ehre, indem sie beides mit der Welt teile. Dort also will Grass womöglich erklären, was er in Deutschland noch niemandem so recht erklären konnte.

          Fernsehkameras bedrängen die Besucher schon im Foyer, ein buntgemischtes Publikum aller Altersklassen füllt den Saal. Über der Bühne werden in Goldlettern David, Moses, Jesaja beschworen, patriotisch umrahmt von Washington und Jefferson. Das Gespräch führt der in Österreich geborene, in Israel aufgewachsene Journalist und Schriftsteller Amos Elon. Er sagt voraus, dass „Peeling the Onion“, wie „Beim Häuten der Zwiebel“ in Amerika betitelt ist, noch lange gelesen werde, nachdem die Debatte über das Verhalten des Autors ihr Ende gefunden habe. Jeder hier weiß, um welche Debatte es sich handelt. Aber bevor noch der Gedanke aufkommen kann, dass Grass in der Fremde eine Heimspielatmosphäre erwarten könnte, die er daheim nicht vorfand, beginnt die Lesung: Auftritt des Nobelpreisträgers im sommerlich hell gemusterten Anzug. Heftiger Applaus.

          Acht Buchseiten auf Deutsch

          Wer außer ihm könnte es sich leisten, acht Buchseiten vor einem amerikanischen Publikum auf Deutsch vorzutragen? Er hat die Episode mit dem blonden, blauäugigen, athletischen Jungen ausgewählt, dem offensichtlich superarischen Kameraden, der sich der Ausbildung an der Waffe verweigert und, wie zu vermuten ist, ins Konzentrationslager verschleppt wird. Auch im „New Yorker“ war die Passage, energisch und zielsicher komprimiert, im Rahmen eines „Reader's Digest“ der Autobiographie zu lesen. Der Schauspieler, der den Text auf Englisch liest, wählt einen ähnlichen, dem Pathos nicht abholden Tonfall, wie ihn auch Grass bevorzugt. Wieder heftiger Applaus, für beide.

          Grass im Gespräch mit Amos Elon

          Dann das Interview: die Sprengladung der Veranstaltung. Zu Grass und Elon gesellt sich eine Dolmetscherin, die den gesamten Abend nicht ein einziges Mal eingreifen wird. Grass spricht ein klares, sicheres Englisch. Elon, der ihn so freundlich vorgestellt hatte, redet nun Tacheles, vom ersten Satz an. Wie war das mit der Waffen-SS? Wie konnte so etwas passieren? Warum hatte er überhaupt keine Angst davor? Inzwischen sind Grassens Erklärungsmuster hundertfach geübt, und wenn auch sein Englisch klar und sicher scheint, haben seine Antworten dennoch, im Vergleich mit seinen muttersprachlichen Rechtfertigungen, ein ausgesprochen holzschnittartiges Profil.

          Wir glaubten. Ich glaubte

          Waffen-SS, in welcher der Sechzehn-, Siebzehnjährige eine Art europäische Armee sehen wollte? Waren es solche Antworten, die Elon aus der sorgfältig zurechtgebügelten Fasson zu bringen drohten? Halb will er Grass in Schutz nehmen, halb fragt er sich in Rage. Grass indes kann nichts aus der Ruhe bringen. Wie konnte er weiter an die Nationalsozialisten glauben, als sogar einer seiner Onkel von ihnen erschossen wurde? Er habe damals keine Fragen gestellt, jetzt dafür das Buch geschrieben: „Wir glaubten. Ich glaubte.“ „Vergeben Sie mir, ich versuche Sie nur zu verstehen“, erregt sich Elon, als er Grass vorwirft, den Rassismus der Amerikaner im Kriegsgefangenenlager sofort erkannt zu haben, während er ein gutes Jahr dazu brauchte, um sich von seinen nazistischen Illusionen zu lösen.

          Das ist der Augenblick, in dem es unruhig wird im Saal und die New Yorker Gastfreundschaft an ihre Grenzen stößt. Elon lässt nicht locker: „Ein Jahr lang sind Sie damals blind geblieben.“ Im Rückblick, antwortet Grass, sehe er eine seltsame Person, einen dummen Jungen. „Das ist alles, was ich dazu sagen kann.“ Und schließlich doch die Frage, auf die jeder gewartet hat, wirklich jeder, wie der aufbrandende Applaus, die höhnischen Lacher, das aufgeregte Raunen es bezeugen. „Warum haben Sie einundsechzig Jahre gewartet?“

          Er habe es vergessen

          In den fünfziger und sechziger Jahren, unterrichtet Grass die Amerikaner, habe er seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS ja eingestanden. Aber keiner sei daran interessiert gewesen. So habe er es selbst vergessen. Oder, wie er kurz darauf nicht eben einleuchtend ausführt, er sei sich immer sicher gewesen, darüber in literarischer Form Auskunft zu geben, im fortgeschrittenen Alter. Anspielungen auf die Einsicht, die erst die Niederlage bringe und die Sieger, wie die amerikanische Gegenwart zeige, sich mühsam erarbeiten müssten, waren wolkig genug, um die Unruhe im Saal nicht überkochen zu lassen.

          Kehrtwende. Plötzlich ist alles vorbei. Die Gefahr ist gebannt. Let's party. Ohne Übergang geht Elon zum unterhaltsamen Teil der Veranstaltung über. Wie wurde Grass Künstler? Ob er gar immer noch Plastiker sei? Und wann er sich entschloss, Schriftsteller zu werden? Die ersten Besucher verlassen den Saal. Wer bleibt, findet sich bereit, die nun fälligen Histörchen freundlich zu belachen. Am Ende bescheinigt Elon Grass, es sei ein Vergnügen gewesen. Man habe viel gelernt.

          Wirklich? Abermals heftiger Applaus, den Elon als Zustimmung verbuchen könnte - wenn er die verdutzten Mienen übersieht, mit denen viele zum Ausgang strömen. Grass hat keinen Eklat in einer Hochburg der jüdischen Intelligenz ausgelöst, aber die Absolution wurde ihm dort auch nicht erteilt. In der Public Library wartet nun Norman Mailer auf ihn.

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