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Grass im April 1945 : Im Dunst der Zwiebelsuppe

  • -Aktualisiert am

In Spremberg in der Niederlausitz wurde Grass' Division aufgerieben Bild: ddp

Wo war Günter Grass? Die Erinnerungen des Schriftstellers an den April 1945 und die Kämpfe um Spremberg: Versuch einer Rekonstruktion seiner Wege als SS-Mann.

          Wo war Günter Grass? Diese Frage stellt sich, wenn man versucht, seine Wege als SS-Mann nachzuvollziehen. Denn topographische Genauigkeit läßt sich seiner Darstellung der Kampf- und Fluchthandlungen nicht gerade nachrühmen. Aber nicht nur, daß bei Grass vieles verschwommen bleibt. Besucht man heute die Gegend um Spremberg, stellt man fest: Ein großer Teil der ehemaligen Schlachtfelder ist seit DDR-Zeiten von der Erdoberfläche verschwunden. Braunkohletagebau prägt das Landschaftsbild. Zwischen Baumgruppen blinken die in den letzten Jahren entstandenen Gewässer. Einige Dörfer der Umgebung haben sich humorvoll zur Gemeinde „Neuseeland“ zusammengeschlossen. Aber es lauern auch Gefahren. Schilder warnen, ja nicht ins Unterholz abzuweichen: „Lebensgefahr!“ Wahrscheinlich würde man sofort im Schmodder versacken.

          Unheimlich überdies die verlassenen Häuser am Straßenrand und ein zum Tod verurteilter Ort wie Haidemühl, der Anfang dieses Jahres offiziell aufgelöst wurde. An der dortigen Glashütte, einer Industrieruine, in der zur DDR-Zeit mehr als tausend Menschen arbeiteten, steht noch in kämpferischen Großbuchstaben: „Haidemühl muß bleiben“. Auch das Dorf Kausche, in dem die SS-Division Frundsberg gerade in jenen Tagen eingekesselt wurde, als für Grass dank einer leichten Verwundung der Krieg zu Ende ging, ist längst abgebaggert worden und liegt heute anderswo.

          Versprengte Einheiten

          Früh am 16. April begann die russische Großoffensive. Hitler vermutete, die Rote Armee werde in der Lausitz durchbrechen, um in schnellem Vorstoß die Elbe zu erreichen. Deshalb wurde die 10. SS-Panzerdivision Frundsberg, die der zitternde, gebeugte „Führer“ bei seinem letzten öffentlichen Auftritt neben einigen Hitlerjungen für ihre Einsatzfreude noch auszeichnete, aus dem Raum Görlitz in die Niederlausitz verlegt. Am 17. April erreichte sie ihr Bestimmungsgebiet. Die Truppe unter Generalmajor Heinz Harmel hatte den Auftrag, die Lücke zwischen Cottbus und Spremberg zu schließen.

          Immer wieder beschwört Grass das Chaos der Kriegsendzeit, in dem geordnete Aktionen kaum mehr möglich waren. Dabei geht er aber ein wenig weit: „Die Division Frundsberg gab es nicht, falls es sie je gegeben hat“, schreibt er an einer Stelle. Es gab sie, auch wenn Grass es offenbar hauptsächlich mit versprengten Einheiten zu tun hatte. Die „Frundsberger“ wurden eingekesselt, als die sowjetische Armee am 19. April einen Ring um Spremberg schloß, mit zwei weiteren Divisionen.

          Fanatischer Nationalsozialist

          Es handelte sich zum einen um die sogenannte Führer-Begleit-Division unter Generalmajor Otto Ernst Remer, die östlich der Stadt gestanden hatte (Remer war ein fanatischer Nationalsozialist, der an der Niederschlagung des Aufstandes vom 20. Juli beteiligt war und bis zu seinem Tod 1997 eine notorische Figur der rechten Szene blieb), zum anderen um die bisher westlich der Stadt liegende 344. Infanteriedivision unter Generalmajor Erwin Jollasse, einem Militär altpreußischen Schlages. Diese drei Divisionen bildeten am Abend des 19. April eine knapp 20.000 Mann umfassende „Kampfgruppe Spremberg“.

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