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Grass' Geständnis : Die Wirkung

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Grass' Geständnis: warum jetzt? Bild: dpa

Man muß sich fragen, wie Günter Grass sich die Wirkung seines Geständnisses vorgestellt hat. Er mußte doch im Ohr haben, was er im Laufe der Jahre zur Verdrängung der deutschen Vergangenheit gesagt hat.

          Was hat Günter Grass mit seinem Geständnis gewollt? Er wollte eine Episode seiner Biographie, die ihn als geheimgehaltene über die Jahre bedrückt hat, endlich bekanntmachen und sich Erleichterung verschaffen. Jeder Akt der Vergangenheitsbewältigung, wie es in der Sprache der Bundesrepublik heißt, verdient nach deren Moralkodex Respekt. Das Geständnis in der Öffentlichkeit hat freilich seine eigenen Gesetze, die Günter Grass nur zu gut kennt, hat er doch in all den Jahren immer wieder gegenüber Personen, Parteien, dem Staat und seinen Institutionen die Bewältigung der Vergangenheit angemahnt. Er war und ist einer der wortmächtigsten Mahner solch öffentlicher Bewältigung. Seine Rolle, die er sich mit seinen Büchern, in Wahlkämpfen, in Reden zur Zeit mühsam erarbeitet hat, sie beruht ja nicht zuletzt auch darauf, daß er glaubwürdig machen konnte, nicht tiefer in die deutsche Vergangenheit verstrickt gewesen zu sein.

          Man muß sich also fragen, wie Günter Grass sich die Wirkung seines Geständnisses vorgestellt hat. Er mußte doch im Ohr haben, was er im Laufe der Jahre zur Verdrängung der deutschen Vergangenheit gesagt hat, die Unerbittlichkeit, mit der er andere aufforderte, sich der eigenen Lebensgeschichte zu stellen. Wenn er selbst diesen Forderungen erst jetzt, nach so vielen Jahren, genügt, so wird er doch all die Zeit hindurch ein Bewußtsein der Schwierigkeit eines solchen Schrittes gehabt haben. Die endlosen Erwägungen über die Wirkungen und Folgen seines Geständnisses mögen sich am Ende selbst paralysiert haben. Als er beim Schreiben seiner Biographie sein Geständnis für unausweichlich hielt, wurden all diese Erwägungen wohl gewichtslos.

          Der Impuls zu sagen, was seit Jahrzehnten darauf wartete, gesagt zu werden, hat seine eigene Dynamik, an der die Erwägungen über Folgen und Unzuträglichkeiten abgleiten. Es bleibt eine Irritation, daß dieser Impuls so spät zum Durchbruch gekommen ist bei einem Mann, der so hohe moralische Ansprüche fomuliert hat. Am Ende mag es dem Schriftsteller als ein unerwartet Leichtes vorgekommen sein, das Überfällige auszusprechen. Weder in seinen Augen noch sonst mag durch dieses Geständnis irgend etwas von dem falsch werden, was er öffentlich vertreten hat. Aber es bleibt doch ein spätes Geständnis.

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