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Grass gegen Grass : Der Schlüssel zum Zwiebelbuch

„Das Abstempeln kann ich selber besorgen” Bild: ddp

Seit Günter Grass seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS bekanntgemacht hat, zweifelt man immer wieder, ob er weiß, was er sagt. Das Maßlose seiner Gegenangriffe widerspricht allen Klugheitsregeln des öffentlichen Kampfes.

          In dem Interview mit Günter Grass und Martin Walser, das in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ steht, wird Grass gefragt, was er von Walsers Friedenspreisrede gehalten habe. Walser antwortet anstelle des Gefragten. Grass habe ihm seinerzeit gesagt: „So was kann man denken für sich, aber so was kann man nicht öffentlich sagen.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Obgleich Walser erklärt, dass er über diesen ihm unvergesslichen Satz mit Grass noch im Jenseits streiten könnte, nimmt Grass die Einladung zum Disput nicht an. Er bleibt in seiner nächsten Einlassung die Antwort auf die Frage, was er nun von Walsers Rede hielt, schuldig und lenkt das Gespräch hinüber aufs weite Feld der Medienschelte. Für ihn ist die Debatte um Walsers Bekenntnis zum Wegschauenlernenmüssen ein Beispiel für die Freude der Presse am „Niedermachen“.

          „Das ist doch grauenhaft!“

          Er belehrt die beiden Interviewer: „Sie haben doch als Journalisten eine Sorgfaltspflicht! Sie müssen doch prüfen, ob es zum Beispiel erlaubt ist, im Zusammenhang mit Berichten über meine wenigen Monate in der Waffen-SS Bilder von der Auslöschung des Warschauer Ghettos zu zeigen und so eine Verbindung herzustellen zwischen dem ,SS-Mann Günter Grass' und diesen Verbrechen. Das ist doch grauenhaft!“ Das ist also grauenhaft: dass in einem Bildmedium zur Illustration der Bedeutung der „doppelten Rune“ oder des „Doppelbuchstabens“ - diese Umschreibungen verwendet Grass in „Beim Häuten der Zwiebel“ - gezeigt wird, was sich im Gedächtnis der Menschheit mit dem SS-Abzeichen verbindet.

          Dass es Grass schmerzt, seinen Kriegsdienst in diesen objektiven Zusammenhang eingeordnet zu sehen, wird man verstehen. Aber er hält es nicht etwa, was man ebenfalls gerade noch verstehen könnte, für eine geschmacklose Einseitigkeit, diesen Zusammenhang sichtbar zu machen - es soll verboten sein, den Zusammenhang im Bild herzustellen, und die Journalisten sollen die Durchsetzung des Verbots zu ihrer Sache machen.

          Maßlose Gegenangriffe

          Seit Grass in einem Interview mit dieser Zeitung seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS bekanntgemacht hat, sind es immer wieder Äußerungen wie diese, die daran zweifeln lassen, ob Grass weiß, was er sagt. Das Maßlose seiner Gegenangriffe widerspricht allen Klugheitsregeln des öffentlichen Kampfes so eklatant, dass eine literarische Merkwürdigkeit fast unbemerkt geblieben ist: Die überschießende Selbstverteidigung fällt scheinbar hinter die Selbstkritik zurück, die Grass in seinem Memoirenbuch vorexerziert. Während er sich außerhalb des Buches verbittet, als Veteran der SS-Division Frundsberg mit dem Warschauer Ghetto in Verbindung gebracht zu werden, wohl da seine Division weit entfernt von Warschau eingesetzt wurde und das Warschauer Ghetto schon ausgelöscht war, als er eingezogen wurde, wird im Buch dem Dreizehnjährigen eine geistige Entfernung vom Schauplatz der Massenmorde zum Vorwurf gemacht.

          Sein „erster, vom Umfang her weitläufig geplanter Schreibversuch“ spielte sich „fern der Deportation restlicher Danziger Juden aus dem Ghetto Mausegasse in das Konzentrationslager Theresienstadt“ ab. Er hatte die Handlung seines ersten Romans nicht in die Zeit des Interregnums gelegt, sondern „verlegt“. Das Buch hätte in der Gegenwart spielen müssen, denn es handelte von „Mord und Totschlag“. Die historische Camouflage entsprach der „Neigung“ des Autors „zur Flucht“. Grass gibt an, er habe den Roman für den Wettbewerb einer Schülerzeitung geschrieben, an dem sich „der maßlose Junge, der als Entwurf meiner selbst weiterhin zu entdecken ist“, dann doch nicht habe beteiligen können. Er malt sich das Gericht aus, das das Feuilleton über ihn gehalten hätte, wäre das Frühwerk preisgekrönt worden und später wiederaufgetaucht.

          Belasten, Einstufen, Abstempeln

          Die im Irrealis formulierte Vorwegnahme der Debatte, die das Zwiebelbuch tatsächlich auslösen sollte, schneidet der Erzähler ab mit dem Satz: „Aber das Belasten, Einstufen und Abstempeln kann ich selber besorgen.“ Dieser Satz ist der Schlüssel der Deutung des Werkes, die Christoph König, Germanist in Osnabrück, am Freitag im Berliner Literaturhaus vortrug. Auf einen Schlag erhellt diese Deutung auch das Groteske an den Beiträgen von Grass in der von ihm eröffneten Debatte. Belasten, Einstufen, Abstempeln: Der Autor hat sich im Buch einem Entnazifizierungsverfahren unterworfen und ist dabei so unsachlich vorgegangen, wie es in der Natur dieses Prozesses liegt.

          „Häme als literarisches Verfahren“ lautete der Titel des Vortrags: Mit einer Fülle an Belegen zeigte König, wie der Autor sein jüngeres Ich, den „Rekruten meines Namens“, von dem er in der dritten Person spricht, fortwährend abkanzelt, herabwürdigt, mit Verachtung straft. Derselbe Generalverdacht niedriger Motive trifft aber auch den Herrn des Verfahrens, den Ich-Erzähler. Das unerträglich Platte des Dauereinsatzes der Topoi der interessegeleiteten Erinnerung erhält plötzlich einen literarischen Sinn. Und einen politischen: Was immer Leser dem jungen Grass und dem alten Autor seines Namens vorwerfen möchten, Grass hat es vorweggenommen. Alle Kritik ist dann von vornherein unsachlich, ein zweiter Aufguss der Häme, die er selbst über sich ausgeschüttet hat.

          Komplizenschaft zwischen Ich und Er

          In der Diskussion wurde nach dem Heimlichen und Tückischen gefragt, das zur Definition des Hämischen gehört. Es liegt in der von König aufgedeckten „Komplizenschaft zwischen Ich und Er“. Die Autobiographie bietet die Travestie einer Selbstprüfung: Grass setzt sich auf die Anklagebank eines Schauprozesses, der wegen eingestandener Befangenheit des Richters mit einem Freispruch enden muss.

          Walser verteidigt seine Friedenspreisrede mit dem Satz, das Gewissen sei keine Privatsache. Grass widerspricht nicht, ist aber offenbar anderer Ansicht. Man begreift jetzt, warum er auch in der „Zeit“ darauf besteht, kein Geständnis abgelegt zu haben. Dass der zur Waffen-SS abkommandierte Freiwillige schuldig geworden ist, mag er denken für sich, kann er aber nicht öffentlich sagen.

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