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Grass auf der Leipziger Buchmesse : So redet ein Literaturnobelpreisträger

  • -Aktualisiert am

Von der Presse nicht mehr für voll genommen, vom Publikum geliebt: Günter Grass Bild: ddp

Mit der Präsentation seiner Dokumentation „Ein Buch, ein Bekenntnis“ beehrte Günter Grass die Leipziger Buchmesse. Dort verfuhr er nach dem Ich-hau-dir-in-die-Schnauze-Prinzip: zuschlagen statt nachdenken. Dennoch bekam er viel Applaus. Edo Reents hat Grass dabei beobachtet.

          Ich habe gerade etwas Zeit, der nächste Grass-Termin ist erst wieder um 15.30 Uhr. Willenlos stehe ich in dem stickigen Glashaus, dem zentralen Gebäude der Leipziger Buchmesse, auf der Rolltreppe und weiß nicht, was ich die halbe Stunde bis dahin noch machen soll. Ein Stand bietet „Gehirnjogging“ an, aber das ist jetzt auch keine Lösung. Weißkittel beaufsichtigen die Neugierigen, die an Zweiertischen sitzen und wie in der Schule irgendwelche Bögen ausfüllen: „Wie alt ist Ihr Gehirn?“ Meines ist schon über vierzig. Auf dem „Blauen Sofa“, auf dem im Halbstundentakt Prominente Platz nehmen, beantwortet der Schriftsteller Feridun Zaimoglu die Frage, ob es bei ihm nicht diesen „Ich-hau-dir-in-die-Schnauze-Effekt“ gebe: schreiben statt zuschlagen?

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Der Nächste, bitte: Günter Grass! Vor dem blauen Sofa liegen dünne gelbe Bücher: das neue, nun ja, Werk. Gestapelt sehen sie aus wie alte Telefonbücher, obwohl sie natürlich nicht so wahrheitsgetreu sind. Grass sagt schon bei der zweiten Frage, die der Moderator Dominik Wichmann stellt, pampig: „Ich muss Sie unterbrechen!“ Er habe keiner Zeitung jemals etwas gestanden, und sein einziger Fehler sei es gewesen, damals, mit vierzehn, fünfzehn, nicht die richtigen Fragen gestellt zu haben, wegen des toten Onkels und so. So geht das weiter. Dann: Ob es stimme, was er da vorhin gesagt habe. „Na gut“, sagt Grass, „ich korrigiere das Wort.“ Es ging um ein typisches SS-Wort.

          „Entartung des deutschen Journalismus“

          Das kam so. Freitag mittag gegen halb eins tritt Günter Grass das erste Mal in Aktion. Der Stand der „Leipziger Volkszeitung“ ist entsprechend voll, ich stehe im Gang und kann es nicht verhindern, dass mir andauernd Leute gegen den Kugelschreiber stoßen. Und hören kann ich auch nicht alles, weil die Lautsprecher zu leise sind und das vorbeiziehende Publikum natürlich nicht einsieht, warum es still sein soll. „Wer ist das?“ Ich sage mit zusammengekniffenen Lippen, als wäre ich Clint Eastwood in einem Spaghettiwestern, immer wieder: „Grass.“

          Kein Eingeständnis, sondern nur eine Unterschrift: Günter Grass in Leipzig

          Hören wir, was er zu sagen hat: „fertigmachen“, „Totschlagmentalität“, „Niedergang des Journalismus“, „mundtot machen“. Und dann, irgendwann, kommt dieses eine Wort. Ich habe es leider nicht verstehen können, weil zwei Schülerinnen direkt neben mir standen, laut redeten und dabei Wurstgraubrote aßen. Aber ein netter Kollege hat es gehört: „Ja, ganz sicher, das hat er gesagt.“ Ich glaube es nicht und drängele mich zu Grassens Interviewer durch, dem Chefredakteur Bernd Hilder. Der ist sich auch nicht mehr ganz sicher. Wir gehen in einen Holzverschlag hinter der Bühne, wo man alles mitstenographiert hat. Und da steht es dann: „Entartung des deutschen Journalismus.“

          Nach dem Ich-hau-dir-in-die-Schnauze-Prinzip

          So redet ein Literaturnobelpreisträger. Grass wird das Wort dann auf dem blauen Sofa wirklich korrigieren und von der „Gleichgestimmtheit“ der Medien reden, was zwar etwas Anderes, aber nicht weniger abwegig ist. Es ist das Ich-hau-dir-in-die-Schnauze-Prinzip: zuschlagen statt nachdenken. Anschließend soll Grass beim Fernsehsender 3sat sein. Aus der Menschentraube dringt eine vertraute Stimme heraus: Es sei „sehr anstrengend“ gewesen, dieses Buch zu schreiben; er, also der Besitzer der Stimme, habe zwischendurch öfter „weinen“ müssen.

          Nanu, das rührt einen dann doch. Aber es ist dann gar nicht Günter Grass, es ist der Schauspieler Günter Lamprecht. Man wird hier richtig paranoid. Aber die Stimmen sind sich auch zu ähnlich. Grass setzt sich nun dazu. Abends um acht ist Lesung. Die Stadtbibliothek ist ausverkauft, der dänische Übersetzer führt ein, dann gibt Grass einen sehr knappen Lebensabriss: aufgewachsen im Nationalsozialismus, Hitlerjugend, und dann kommt er auch schon auf die Gefangenschaft zu sprechen. Keine SS? Doch, die schiebt er nach: Es waren ja bloß drei Monate, „woraus man einen Skandal gemacht hat“. Applaus.

          Das Zwiebelbuch spielt nur eine Nebenrolle

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