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Google digitalisiert in Bayern : Mit Hybridantrieb ins Netz

Als Digitalisierungsmotor ist Google derzeit alternativlos Bild: AP

Die Entscheidung der traditionsbewussten Bayerischen Staatsbibliothek, in Zusammenarbeit mit Google über eine Million Bücher aus dem eigenen Bestand zu digitalisieren und ins Netz zu stellen, kam überraschend. Doch das Angebot von Google war zu verlockend. Von Hannes Hintermeier.

          Die Tür ist offen, aber es wird noch ein wenig dauern, bis die schöne neue Wissenswelt durchstarten kann. Gute fünf Jahre wird es dauern, bis die gestern vermeldete Zusammenarbeit der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) mit der Internet-Suchmaschine Google komplett im Netz zugänglich sein wird.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Doch der Schritt der traditionsbewussten Bayern, sich mit Hilfe einer privat-öffentlichen Kooperation dem frei zugänglichen Wissensuniversum zu nähern, kam überraschend. Immerhin hat die Staatsbibliothek in München als erste Institution des deutschsprachigen Raums einen solchen Vertrag unterschrieben. „Deutlich mehr als eine Million Bücher“ aus dem neun Millionen umfassenden Bestand der Münchner sollen am Ende digitalisiert sein - BSB-Generaldirektor Rolf Griebel, seit 2004 im Amt, ist bekennender Fan des Dienstleistungsgedankens und der Massendigitalisierung. Er spricht von „einem ganz großen Meilenstein“.

          In einer Reihe mit Stanford

          Aus Sicht der Staatsbibliothek ist der Google-Handel eine Bestätigung jener Rolle, in der sie sich ohnehin gern und nicht ohne Recht sieht - als eine der wichtigsten Forschungsbibliotheken der Welt. Nun kann sie sich in einem Atemzug mit jenen anderen berühmten Häusern nennen lassen, die schon Partner der Suchmaschinisten sind: Stanford, Princeton, Oxford und acht weitere. Rückwirkungen auf den Wissenschaftsstandort Bayern, der in München gleich zwei Exzellenz-Universitäten betreibt, sind erwünscht und werden unbedingt erwartet. Für das Zustandekommen des Vertrags waren zwei Dinge ausschlaggebend: Geld und Technologie. Denn an Geld fehlt es der Bayerischen Staatsbibliothek, nicht nur wenn es um Bestandsschutz geht. Die Anforderungen an die führende Bibliothek des Freistaats wachsen ständig, der Spagat zwischen Forschung und überproportionaler studentischer Nutzung hat immerhin dazu geführt, dass das Haus täglich sechzehn Stunden durchgehend geöffnet ist, an sieben Tagen der Woche.

          Die Digitaliserung eines Buches verursacht geschätzte Kosten von 40 Euro

          Dass der Weltmarktführer der Suchmaschinen die avancierteste Technologie mitbringt, versteht sich mittlerweile von selbst. Es habe, so der Generaldirektor, „letztlich keine Alternative zu Google gegeben“. Die Firma aus dem kalifornischen Mountain View muss viel Geld in die Hand nehmen, denn ganz billig ist so ein Verfahren nicht: Man rechnet für die Digitalisierung eines dreihundertseitigen Standardformat-Buches mit rund vierzig Euro Kosten, Geld, das die öffentliche Hand weder auf Länder- noch auf europäischer Ebene in absehbarer Zeit hätte aufbringen können. Wo der Steuerzahler passen muss oder will, springt die Privatwirtschaft ein. Und diktiert naturgemäß die Spielregeln mit.

          Alles in Google?

          Zugänglich gemacht wird im Kern der Bestand zwischen siebzehntem und neunzehntem Jahrhundert. Ältere Bücher und Handschriften, Inkunabeln und Karten - „die Urschichten des Bestandes“ (Griebel) - werden aus konservatorischen Gründen Google nicht ausgehändigt, sondern weiterhin im hauseigenen Digitalisierungszentrum bearbeitet. Bei jüngeren Büchern zieht das Urheberrecht eine rechtliche Grenzlinie, die die Münchner nicht überschreiten wollen. Auch sollen die Bücher auf keinen Fall Bayern verlassen - was im Umkehrschluss nur heißen kann, dass Google sie vor Ort einscannen muss. Außerdem bleibt eine digitale Kopie in Händen der BSB, eine zweite geht an Google. Günstiger Nebeneffekt: Durch die privat finanzierte Digitalisierung können Teile jener 1,6 Millionen Exemplare, deren Schädigungsgrad eine Rettung unmöglich macht, wenigstens elektronisch für die Nachwelt erhalten bleiben.

          Die Münchner Verlobung ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur so genannten Hybridbibliothek: Analoger Papierbestand plus integrierten Digitalangebots, so muss heute eine Bibliothek beschaffen sein, wenn sie ihrem ursprünglichen Ziel - Wissen allgemein zugänglich zu machen - nachkommen will. Googles Bibliotheksprojekt ist im Grunde ohne ernstzunehmende Konkurrenz geblieben. Eine europäische Antwort ist bislang ausgeblieben, und die geplante Volltextsuche der deutschen Verlage kommt derzeit mit großer Verspätung und erheblichen Anlaufschwierigkeiten. Demgegenüber hat die Google-Buchsuche zuletzt deutlich Fahrt aufgenommen, die BSB ist das zwölfte Mitglied im Reigen internationaler Großbibliotheken. Derzeit verhandelt die Suchmaschine nach eigener Aussage über ein „Pilotprojekt“ mit der Library of Congress in Washington.

          Wird es am Ende heißen „Alles in Google“? Zweifel an den hehren Motiven der Firma bleiben; generiert doch jeder Mausklick via Google nicht nur potentiellen Umsatz mit Werbepartnern, sondern führt auch zu einer Akkumulation von Daten über jeden einzelnen Nutzer. Die Befürchtungen, die der Direktor der französischen Nationalbibliothek Jeanneney seit Jahren vorträgt, mit Google werde eine einseitige kulturelle Hegemonie forciert, teilt Rolf Griebel indes nicht: „Wir bringen damit doch das reiche kulturelle Erbe Europas ein.“

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