https://www.faz.net/-gqz-13tt9

Goethes Zeichnungen : Zwischen Selbstzweifel und Euphorie

Die Leidenschaft des Autodidakten: „Mondbeschwörung” von 1812 Bild: Klassik Stiftung WEimar

In Weimar werden gerade hundert Landschaftszeichnungen Johann Wolfgang von Goethes ausgestellt. Bislang wurde sein Umgang mit Stift und Feder, Tusche und Wasserfarben oft als Passion eines ehrgeizigen Autodidakten abgetan. Muss man dieses Bild nun revidieren?

          Die Klassik Stiftung Weimar zeigt im Nationalmuseum am Frauenplan eine Ausstellung mit mehr als hundert Landschaftszeichnungen Johann Wolfgang von Goethes aus dem Bestand ihrer Graphischen Sammlungen. Die frisch restaurierten Blätter waren Anfang 2008 als Konvolut mehrheitlich unbekannt gebliebenen Archivmaterials in Madrid gezeigt worden, dankbar aufgefangen vom Museo Thyssen-Bornemisza im Circolo de Bellas Artes.

          Camilla Blechen

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Der Fachwelt, die den 2600 nachgelassenen Handzeichnungen des Olympiers von hoher Warte aus immer wieder unübersehbaren Dilettantismus bestätigt hatte, war Goethes zeichnerisches Œuvre seit dem 1979 abgeschlossenen siebenbändigen Corpuswerk von Gerhard Femmel in der Reproduktion zugänglich. Die jetzt in Weimar erstmals in repräsentativer Form vorgeführten Originale korrigieren die Lehrmeinung über den von Literaten durchaus geschätzten Nebenzweig der dichterischen Produktion. Die Übersicht erlaubt es ihren Besuchern, Goethes teils euphorisch beflügelten, teils von Selbstzweifeln gebremsten Umgang mit Stift und Feder, Tusche und Wasserfarben als Passion eines Autodidakten zu begreifen, der lebenslang bemüht war, seine begrenzten bildkünstlerischen Fähigkeiten mit Hilfe prominenter Mentoren zu vervollkommnen.

          Kühn hingestrichen, wild ausgetuscht

          Chronologisch geordnet, setzt der Überblick mit der um 1763/65 wohl noch in Frankfurt entstandenen, unbeholfen skizzierten Rückenansicht eines „Kavaliers im Grase“ ein. Anschließende Unterweisungen durch den Leipziger Zeichenlehrer Adam Friedrich Oeser spiegeln sich in wolkig verwischten Baumstudien. Erste Eigenständigkeit des vom Großherzog Carl August an den Weimarer Musenhof berufenen jungen Dichters lässt eine Charlotte von Stein dedizierte „Floßbrücke“ mit der schemenhaften Erscheinung des Gartenhauses am Wiesengrund der Ilm erkennen. Im Herbst 1786 als „Maler Müller aus Leipzig“ zu einer „Gran Tour“ durch Italien aufgebrochen, knüpft Goethe in Rom Kontakte zu Zelebritäten wie dem älteren Tischbein und Angelika Kauffmann, ehe er in Neapel dem seinerzeit bekanntesten Landschaftsmaler Europas begegnet, Jakob Philipp Hackert, dessen Landschaften aus dem Geist eines Claude Lorrain ihn nachhaltig beeinflussen.

          Cestius-Pyramide, Grabmonument des Gaius Cestius Epulo (gest. 12 v. Chr.), Sommer/Herbst 1787
Bleistift, braun laviert, 139 x 228 mm

          Nach Deutschland zurückgekehrt, muss Goethe den Plan aufgeben, seine schönlinigen Panoramen zur Illustration der „Italienischen Reise“ mit ihren eingängig formulierten Anmerkungen zu Theorie und Praxis von Malerei und Zeichnung heranzuziehen. Sein lebhaftes Interesse an pittoresken meteorologischen Phänomenen mündet in die berühmten „Wolkenbilder“, die ihn jahrzehntelang zu Kompositionen an den Grenzen zur Abstraktion verlocken. Einer nach 1810 eigenhändig angelegten Sammelmappe mit „Theaterzeichnungen“ entstammt die hier abgebildete Phantasmagorie einer „Walpurgisnacht“, die Faust und Mephisto neben einem sturmgepeitschten Baum auf dem Weg zum Brocken wiedergibt. Aus dem furios skizzierten Blatt, das Ernst Ludwig Kirchners „Hieroglyphen“ vorauszunehmen scheint, spricht die „geistreiche Hand“ des Autodidakten, der neben der idealischen die „kühn hingestrichene, wild ausgetuschte“ grafische Formulierung beherrschte. Mit gleicher Verve zu Papier gebracht wurde eine gespenstische „Mondbeschwörung“ vor felsigen Kulissen, die Süditaliens Topographien nostalgischen Tribut zollen.

          Weitere Themen

          Klimawandel und Professionalisierung

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.