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Buch zu Goethes Farbenlehre : Schattenspiele in der hellen Welt des Lichts

  • -Aktualisiert am

Einfaches Experiment, kontroverse Deutungen: zerlegter Lichtstrahl Bild: Bildagentur-online/StockConnecti

Goethes Farbenlehre gilt allgemein als missglückter Ausflug in die Naturwissenschaften. In einem neuen Buch wird sie von Olaf L. Müller rehabilitiert.

          Auf seine Dichtung bilde er sich nichts ein, erklärte Goethe, wohl aber darauf, dass er in seinem Jahrhundert „in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der Einzige“ sei, „der das Rechte weiß“. Er war allerdings auch nahezu der Einzige, der seine Leistung so einschätzte. Als 1810 seine 1400 Seiten dicke Farbenlehre erschien, stieß sie auf höfliche Reserviertheit oder verlegenes Schweigen: Die Mehrheit der Gelehrten empfand das Werk als eine Verirrung des Dichters ins Dilettantentum. Diese Einschätzung besteht bis heute. Wissenschaftlicher Wert wird allenfalls den psychologischen Aspekten der Farbenlehre zugemessen. Das physikalische Herzstück jedoch gilt als netter, aber zum Scheitern verurteilter Versuch, Intuition und Subjektivität in das kalte Herz der exakten Naturwissenschaft zu pflanzen. Goethe, so die vorherrschende Meinung, hat Phänomenologie mit Physik verwechselt.

          Ein glattes Fehlurteil, findet der in Berlin Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie lehrende Olaf L. Müller. Er präsentiert Goethe als ernstzunehmenden Physiker, der empirisch und methodisch auf der Höhe seiner Zeit und wissenschaftstheoretisch ihr sogar voraus war. Das Buch fokussiert auf den Aspekt der Farbenlehre, der den stärksten Widerspruch herausgefordert hat: Goethes harsche Kritik am „neuen Poltergeist“ der newtonschen Lehre, der zufolge sich das weiße Sonnenlicht aus unterschiedlichen Spektralfarben zusammensetzt. Diese Theorie lehnte Goethe entschieden ab.

          Wie lebten wir mit einer schwarzen Sonne am Himmel?

          Zum Stein des Anstoßes geriet ihm Newtons berühmtes Experiment: Ein Strahl weißen Sonnenlichts fällt durch ein Loch in eine Dunkelkammer und wird dort auf ein Prisma gelenkt, das ihn in die Spektralfarben auffächert. Newton zeigte zudem, dass sich diese Farben nicht weiter zerlegen, aber durch eine Linse wieder zu Weiß vereinigen lassen. Goethe allerdings sah in all dem nur bizarre Effekte, hervorgebracht durch eine höchst künstliche Laborsituation. Um Newton mit dessen eigenen Waffen zu schlagen, kehrte er den Versuch um und ließ in heller Umgebung einen Schatten durch das Prisma fallen. Auch jetzt zeigte sich ein Spektrum, aber nicht wie bei Newton aus Blau, Grün und Rot, sondern aus Gelb, Purpur und Türkis. Nach Newtons Logik, folgerte Goethe, müsste man also sagen, dass es nicht nur Lichtstrahlen gibt, sondern auch Finsternisstrahlen, die sich ebenfalls aus Farben zusammensetzen und ein Komplementärspektrum erzeugen. Goethe hielt beides für verstiegen, er postulierte die Finsternisstrahlen nur, um die Absurdität zu verdeutlichen, die für ihn die ganze Idee von der spektralen Zusammensetzung des Lichts darstellte.

          Müller sieht hierin eine schlagende Widerlegung der Behauptung Newtons, er habe mit seinen Dunkelkammer-Experimenten die wahre Natur des Lichts unzweideutig gezeigt: Goethe mache deutlich, dass Newtons Theorie keineswegs die einzige ist, die sich mit den empirischen Befunden vereinbaren lasse. Dass die Existenz von „Lichtstrahlen“ uns selbstverständlich erscheint, während wir „Finsternisstrahlen“ abwegig finden, liegt einzig daran, dass wir in einem vorwiegend dunklen Universum leben, in dem eine weiße Sonne Licht in die Finsternis schickt. Lebten wir hingegen in einer lichtdurchfluteten Welt mit einer schwarzen „Sonne“ am Himmel, würde ein Newton nicht die Natur des Lichts, sondern die des „Schattenstrahls“ erforschen. Müller verweist auf aktuelle physikalische Experimente mit „Schattenstrahlen“ in einer gleißend hellen Streulichtkammer, die Newtons Dunkelkammer gewissermaßen umstülpen und Goethes Postulate bestätigen. Solche Rückbindungen an die Empirie gehören zu den Stärken des Buchs. Mit guten Gründen erklärt Müller Goethe nicht nur zu einem mit allen wissenschaftlichen Wassern gewaschenen Kritiker szientistischer Borniertheit. Er schreibt ihm auch eine sehr modern anmutende wissenschaftstheoretische Position zu, die erst im 20. Jahrhundert durch Otto Neurath und Willard Van Orman Quine ausformuliert wurde: Jede naturwissenschaftliche Theorie ist „unterbestimmt“, denn aus den Daten, auf denen sie beruht, lassen sich alternative Theorien genauso schlüssig herleiten.

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