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Goethes Farbenlehre : Die Taten und Leiden des Lichts

Verteidigung der Sinnlichkeit gegen die wissenschaftliche Rationalität: Goethes Farbkreis

Verteidigung der Sinnlichkeit gegen die wissenschaftliche Rationalität: Goethes Farbkreis Bild: Klassik Stiftung Weimar

Vor zweihundert Jahren ist die bis heute umstrittene „Farbenlehre“ erschienen. Jetzt will eine große Ausstellung in Weimar die Besucher die Kunst lehren, wie Goethe mit den Augen zu denken.

          5 Min.

          Es war ein Unternehmen, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, und es sollte zur Lösung eines Rätsels führen, das so alt war wie die Welt. Um es zu verwirklichen, sollten die besten Männer und die gelehrtesten Köpfe ihrer Zeit versammelt werden: „Chemiker, Physiker, Mathematiker, Mechaniker, Naturhistoriker, Maler, Historiker, Kritiker, Anatom und Philosoph“ sollten gemeinsam ein Buch schreiben, das von den weltumspannenden „Taten und Leiden“ eines unvergleichlichen Helden erzählte. Dieser Held war - das Licht. Als seine Taten und Leiden aber sollten die Farben verstanden werden.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Fast sein ganzes Leben lang hat sich der Dichter mit naturwissenschaftlichen Phänomenen beschäftigt, und die vor zweihundert Jahren erschienene Schrift „Zur Farbenlehre“ kann in dieser Hinsicht als Gegenstück zur „Faust“-Dichtung gelten, an der Goethe mehr als sechs Jahrzehnte lang immer wieder arbeitete. Im Jahr 1791 veröffentlichte er den ersten Teil der „Beiträge zur Optik“, wenig später entstand der Plan, den Phänomenen des Lichts und der Farben in einem großangelegten Wissenschaftsprojekt auf die Spur zu kommen. Es war ein ungeheuer moderner Gedanke: Goethe dachte interdisziplinär, er wollte die führenden Köpfen seiner Zeit um sich versammeln. Aber schon bald machte ihm sein Freund Schlosser deutlich, wie schwer es sein würde, andere Menschen für diese Pläne auch nur zu interessieren, geschweige denn, sie zur Mitarbeit zu bewegen.

          Fünf Jahre später hat Goethe jede Hoffnung auf Unterstützung endgültig aufgegeben. In einem Brief an Schiller vom Januar 1798 kündigt er an, überhaupt nur noch mit zwei Menschen auf der Welt über seine Arbeiten zur Farbenlehre sprechen zu wollen. Stattdessen werde er künftig ganz für sich allein „immer sachte fortarbeiten“. Er hielt Wort, und zwölf Jahre später, 1810, erschien das Werk, das sein umfangreichstes werden sollte, sein umstrittenstes und sein mutigstes.

          Newtons Mücken: mit der zwölften Tafel seiner Farbenlehre, von ihm selbst aquarelliert, wollte Goethe Newtons Thesen über homogene Farben spöttisch widerlegen
          Newtons Mücken: mit der zwölften Tafel seiner Farbenlehre, von ihm selbst aquarelliert, wollte Goethe Newtons Thesen über homogene Farben spöttisch widerlegen : Bild: DLA Marbach

          Von der Freiheit der sinnlichen Anschauung

          Denn es gehörte zweifellos Mut dazu, es mit Newton aufzunehmen, dem Begründer der klassischen Mechanik und der modernen Naturwissenschaften. Newton hatte dargelegt, dass die Farben „im Lichte stecken“, wie Goethe abschätzig formulierte, und seine Nachfolger suchten nach abstrakten Erklärungsmodellen für die Entstehung der Farbe, als deren Ursache sie die Brechung des Lichts ausgemacht hatten. Goethe ging anders vor. Er wehrte sich gegen die Vorstellung, die sinnliche Welt unterliege berechenbaren Gesetzen.

          Dass der Kern von Goethes Widerspruch gegen Newtons Lehre darauf abzielte, dem Machtanspruch einer Naturwissenschaft entgegenzutreten, die angefangen hatte, sich die Welt zu unterwerfen, indem sie alle ihre Phänomen als berechenbar und erklärbar darstellte, wurde lange Zeit nicht verstanden. Noch der Nobelpreisträger Werner Heisenberg wollte den Widerspruch zwischen Goethe und Newton einebnen, als er sagte, dass sich beider Theorien wie „verschiedene Schichten der Wirklichkeit“ zueinander verhielten. Erst Carl Friedrich von Weizsäcker stellte 1960 die These auf, dass Goethe die Gegenposition zu Newton als so fundamental betrachtete, dass er sogar wider besseres Wissen jegliches Zugeständnis verweigerte. Weizsäcker schrieb damals, er habe nur eine Erklärung dafür, dass Goethe Newtons Lehre vierzig Jahre lang in einigen zentralen Punkten missverstanden hatte: „Er irrte, weil er irren wollte.“

          Im selben Licht lässt sich ein Satz des späten Goethe aus dem Jahr 1826 lesen: „Ich ehre die Mathematik, als die erhabenste und nützlichste Wissenschaft, solange man sie da anwendet, wo sie am Platze ist; allein ich kann nicht loben, dass man sie bei Dingen missbraucht, die gar nicht in ihrem Bereich liegen und wo die edle Wissenschaft sogleich als Unsinn erscheint. Und als ob alles nur dann existiere, wenn es sich mathematisch beweisen lässt.“

          Ästhetische Wissenschaft

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