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Goethe in Rom : Mehr Platz für deutsche Sehnsucht

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Erweitert und erstmals mit Goethes Zeichnungen an den Wänden: die Wohngemeinschafts-Räume des Dichters in Rom Bild: Martin Claßen/Casa di Goethe

Hier beobachtete er den römischen Karneval und traf befreundete Künstler zum Austausch: Die Wohnung Goethes am Corso in Rom ist stilvoll ausgebaut worden.

          Ein fester Wohnsitz in Italien? Goethe wird des öfteren über diese verlockende Idee („Wir hofften, selbst uns im Asyl zu gründen“) nachgedacht haben, um sich am Ende dann doch immer wieder für den Frauenplan in Weimar zu entscheiden. Gut zweihundert Jahre nach seiner ersten italienischen Reise, die ihn 1786 für immer aus der deutschen Provinzialität herausführte, hat Goethe wenigstens einen Zweitwohnsitz im Land der blühenden Zitronen, und zwar exakt in derselben Wohnung am Corso in Rom, von deren Fenstern aus er das Karnevalstreiben von 1787 genüsslich beobachten konnte.

          Heute befindet sich hier die „Casa di Goethe“, Goethes Haus in Italien eben, das einzige Museum, das die Bundesrepublik Deutschland im Ausland betreibt und das sie jetzt noch einmal gehörig ausbauen und verschönern ließ. 250 Quadratmeter feine Bibliotheks- und Veranstaltungsräume sowie eine Stipendiatenwohnung im noblen Renaissance-Palazzo über dem bisherigen Goethe-Museum sind jetzt eingeweiht worden.

          Aus allen Nähten geplatzt

          Dass Deutschland, genauer gesagt, der Bundesbeauftragte für Kultur im Kanzleramt, Bernd Neumann, in der Wirtschaftskrise eine solche hochsymbolische Geste in Italien vollführt, erregte auch beim italienischen Kulturminister Lorenzo Ornaghi Bewunderung: Die Deutschen lassen sich ihre kulturelle Präsenz im Sehnsuchtsland Italien einiges kosten. Summa summarum sind es über dreieinhalb Millionen Euro, die für den Erwerb der staatlichen Etagenwohnung sowie den Ausbau für museale Zwecke zu berappen waren. Damit kann das Team um die rührige Direktorin Ursula Bongaerts ihr Motto „Mehr Platz für Goethe in Rom“ nun unter professionellen Bedingungen verwirklichen.

          In der Tat platzte das alte Goethe-Museum, 1997 eröffnet und getragen vom Verein „Aski“, schon seit langem aus den Nähten. Wenn tagsüber die - beileibe nicht nur deutschen - Besucher über Goethes italienische Prägung, seine Farbenlehre, über die deutsche Künstlerkolonie im Rom der Romantik ihre Lektion gelernt und dabei auch Andy Warhols Ikonenversion des Goethe-Kopfes bewundert hatten, dann musste das kleine Team für Lesungen und Workshops oft Tische und Vitrinen beiseiterücken, mussten viele im Publikum sich in den engen Räumlichkeiten entweder mit Hörplätzen begnügen oder wieder gehen.

          Freude und Erschöpfung

          Für die - auch aus namhaften Legaten - wachsende Grafiksammlung, für die einzigartige Goethe-Bibliothek Dorn mit ihren wertvollen Erstauflagen oder für die spektakulären Rom-Panoramen gab es schlicht nicht mehr genügend Raum, und das Stipendiatenprogramm für Schreibende aus Deutschland musste 2007 wieder eingestellt werden, weil irgendwann das Badezimmer für Kopierer, Stühle und Papier benötigt wurde.

          Nun, da sich das alles endlich entspannt hat, ist der Direktorin Ursula Bongaerts die Freude, aber auch die Erschöpfung einer römischen Bauherrin anzumerken. Was die einzigartige Chance, einer Erbengemeinschaft 2009 die kapitale Immobilie abzukaufen, an statischen Schwierigkeiten, bürokratischer Indolenz und juristischer Spitzfindigkeit zur Folge hatte, hätte einer weniger hartnäckigen Bauherrin die Nerven ruiniert.

          Sehnsuchtsort für ganze Generationen

          Wenn Ursula Bongaerts von den behördlichen Strafen für die Bausünden der Vorbesitzer erzählt, deren Holding sich gleich nach dem Verkauf spurlos aufgelöst hatte, wenn sie von den erforderlichen Stahlträgern in denkmalgeschützten Decken und von der Entfernung illegaler Panoramabadewannen und Dienstmädchenkammern erzählt, dann merkt man deutlich, dass sich seit Goethe das exotisch-historische Labyrinth Rom nicht gar so sehr an mitteleuropäische Standards angeglichen hat.

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