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Glücksratgeber : Erlösungsphantasien für die Miserablen

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Kann man das Glück ohne seinen Kontrast haben? Bild: Picture-Alliance

Glücksratgeber, die sich als unfehlbare Gebrauchsanweisungen fürs Leben aufspielen, sind in Wirklichkeit Anleitungen zum Unglücklichsein. Gibt es einen besseren Weg zum Glück? Ein Gastbeitrag.

          Als der KZ-Aufseher Gustav Wagner 1978 in Brasilien verhaftet wurde, bereute er nichts und erklärte, er habe ein glückliches Leben geführt. Kurz danach brachte er sich um. War Gustav Wagner tatsächlich ein glücklicher Mensch? Glaubt man all den Glücksratgebern, kann man das kaum bestreiten. Wenn Glück bloß aus wohligen Glücksgefühlen bestände, wenn es der ekstatische Egotrip wäre, der überall angepriesen wird, das ozeanische Wellnessgefühl, dessen Herstellung eine expandierende Glücksindustrie verspricht, dann mag der seinen Verfolgern trickreich entwischte brutale Massenmörder ein glücklicher Mensch gewesen sein. Jenseits des Ozeans genoss er sein persönliches Wohlfühlglück, lebenslang - ein paar lästige Tage am Ende abgerechnet.

          Ein solches Glück als sorgfältig gesammelter Privatbesitz ist allerdings immer gefährdet. Man muss es schützen vor dem Neid der anderen, der Unglücklichen, derjenigen, die sich auf bedrohliche Weise nicht wohl fühlen, der Miserablen jeder Gesellschaft, auch der Weltgesellschaft. Es ist ein perverser Glücksbegriff, der beliebige subjektive Glücksgefühle mit wirklichem Glück verwechselt. Wer nicht bloß die üblen angebräunten Parolen der xenophoben Hetzer hört, sondern in die ängstlich-aggressiven Gesichter der mitlaufenden Biedermänner und Biederfrauen schaut, gewahrt plötzlich die Fratze der neuen Spießigkeit einer Wohlstandsgesellschaft, der die Individualisierung zum Horrortrip geraten ist.

          Neue Unterwürfigkeit

          Wem irgendein höherer Sinn im Leben abhandengekommen ist, wer nach dem Motto „Wer nichts mehr glaubt, glaubt alles“ jedem Esoterikguru, jedem Erfolgstrainer und jedem neuesten Glücksratgeber hinterherläuft, der versteht irgendwann die Welt nicht mehr, ja nicht einmal sich selbst.

          Die Ratgeberliteratur schlage eine Schneise der Verwüstung durch Deutschland, hat hellsichtig der verstorbene Soziologe Ulrich Beck gewarnt. Und diese Wüsten kann man nun besichtigen, nicht nur im Osten Deutschlands. Soll man noch die erstaunlich theologische Bemerkung von Gregor Gysi hinzunehmen, der in der evangelischen Akademie in Tutzing sagte, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil einer solchen Gesellschaft die Solidarität abhandenkommen könne, Sozialismus sei schließlich nichts anderes als säkularisiertes Christentum?

          Die Ermordung Gottes hat nicht Befreiung bewirkt, sondern neue Unterwürfigkeit. Jedenfalls hat der Übergang von einem naiven unwissenschaftlichen Wissenschaftsglauben zu einer religionsförmigen Expertenverehrung dazu geführt, dass viele Menschen auf der unermüdlichen Suche nach ultimativer Selbstverwirklichung sich unversehens für ihr eigenes Leben nicht mehr kompetent fühlen.

          Was ist Glück?

          Ein spektakulär aufgemachtes „World Book of Happiness“ wirbt auf dem Umschlag damit, es handle sich um neueste Erkenntnisse und nicht etwa um Philosophie. Wer sich durch diese neuesten Erkenntnisse von über 100 „Glücksexperten“ aus allen Ländern quält, trifft auf eine unappetitliche Mischung aus mehrheitlich schlichtesten Banalitäten und vereinzelt blühendem Unsinn. Dabei beruht das Ganze auf einem Denkfehler. Für die neueste Waschmaschine braucht man die neueste Gebrauchsanweisung. Aber das Leben ist keine Waschmaschine. Der Philosoph Robert Spaemann hat es so formuliert: „Wo es um Fragen des richtigen Lebens geht, könnte nur Falsches wirklich neu sein.“

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