https://www.faz.net/-gqz-8bawj

Glücksratgeber : Erlösungsphantasien für die Miserablen

  • -Aktualisiert am

Kann man das Glück ohne seinen Kontrast haben? Bild: Picture-Alliance

Glücksratgeber, die sich als unfehlbare Gebrauchsanweisungen fürs Leben aufspielen, sind in Wirklichkeit Anleitungen zum Unglücklichsein. Gibt es einen besseren Weg zum Glück? Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Als der KZ-Aufseher Gustav Wagner 1978 in Brasilien verhaftet wurde, bereute er nichts und erklärte, er habe ein glückliches Leben geführt. Kurz danach brachte er sich um. War Gustav Wagner tatsächlich ein glücklicher Mensch? Glaubt man all den Glücksratgebern, kann man das kaum bestreiten. Wenn Glück bloß aus wohligen Glücksgefühlen bestände, wenn es der ekstatische Egotrip wäre, der überall angepriesen wird, das ozeanische Wellnessgefühl, dessen Herstellung eine expandierende Glücksindustrie verspricht, dann mag der seinen Verfolgern trickreich entwischte brutale Massenmörder ein glücklicher Mensch gewesen sein. Jenseits des Ozeans genoss er sein persönliches Wohlfühlglück, lebenslang - ein paar lästige Tage am Ende abgerechnet.

          Ein solches Glück als sorgfältig gesammelter Privatbesitz ist allerdings immer gefährdet. Man muss es schützen vor dem Neid der anderen, der Unglücklichen, derjenigen, die sich auf bedrohliche Weise nicht wohl fühlen, der Miserablen jeder Gesellschaft, auch der Weltgesellschaft. Es ist ein perverser Glücksbegriff, der beliebige subjektive Glücksgefühle mit wirklichem Glück verwechselt. Wer nicht bloß die üblen angebräunten Parolen der xenophoben Hetzer hört, sondern in die ängstlich-aggressiven Gesichter der mitlaufenden Biedermänner und Biederfrauen schaut, gewahrt plötzlich die Fratze der neuen Spießigkeit einer Wohlstandsgesellschaft, der die Individualisierung zum Horrortrip geraten ist.

          Neue Unterwürfigkeit

          Wem irgendein höherer Sinn im Leben abhandengekommen ist, wer nach dem Motto „Wer nichts mehr glaubt, glaubt alles“ jedem Esoterikguru, jedem Erfolgstrainer und jedem neuesten Glücksratgeber hinterherläuft, der versteht irgendwann die Welt nicht mehr, ja nicht einmal sich selbst.

          Die Ratgeberliteratur schlage eine Schneise der Verwüstung durch Deutschland, hat hellsichtig der verstorbene Soziologe Ulrich Beck gewarnt. Und diese Wüsten kann man nun besichtigen, nicht nur im Osten Deutschlands. Soll man noch die erstaunlich theologische Bemerkung von Gregor Gysi hinzunehmen, der in der evangelischen Akademie in Tutzing sagte, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil einer solchen Gesellschaft die Solidarität abhandenkommen könne, Sozialismus sei schließlich nichts anderes als säkularisiertes Christentum?

          Die Ermordung Gottes hat nicht Befreiung bewirkt, sondern neue Unterwürfigkeit. Jedenfalls hat der Übergang von einem naiven unwissenschaftlichen Wissenschaftsglauben zu einer religionsförmigen Expertenverehrung dazu geführt, dass viele Menschen auf der unermüdlichen Suche nach ultimativer Selbstverwirklichung sich unversehens für ihr eigenes Leben nicht mehr kompetent fühlen.

          Was ist Glück?

          Ein spektakulär aufgemachtes „World Book of Happiness“ wirbt auf dem Umschlag damit, es handle sich um neueste Erkenntnisse und nicht etwa um Philosophie. Wer sich durch diese neuesten Erkenntnisse von über 100 „Glücksexperten“ aus allen Ländern quält, trifft auf eine unappetitliche Mischung aus mehrheitlich schlichtesten Banalitäten und vereinzelt blühendem Unsinn. Dabei beruht das Ganze auf einem Denkfehler. Für die neueste Waschmaschine braucht man die neueste Gebrauchsanweisung. Aber das Leben ist keine Waschmaschine. Der Philosoph Robert Spaemann hat es so formuliert: „Wo es um Fragen des richtigen Lebens geht, könnte nur Falsches wirklich neu sein.“

          Weitere Themen

          Frische Luft für alle

          Pariser Kommune : Frische Luft für alle

          Von der Pariser Kommune bis zum Modernisierungsschub der fünfziger Jahre: Wie die Literaturwissenschaftlerin Kristin Ross die Voraussetzungen der Demokratie freilegt.

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Der belarussische Staatschef Alexandr Lukaschenko

          Belarus : Lukaschenko greift Deutschland wegen Sanktionen scharf an

          Der belarussische Staatschef bringt die Strafmaßnahmen des Westens in Verbindung mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren. In Richtung von Außenminister Maas fragt er, ob dieser ein „Erbe der Nazis“ sei.
          Stromtrasse in der Abendsonne im hessischen Hattersheim.

          F.A.Z. Frühdenker : Wie viel Strom benötigen wir 2030?

          Deutschland kämpft bei der EM ohne Regenbogen ums Weiterkommen. Der Verfassungsschutz befasst sich mit den Corona-Leugnern und Berlin ist noch sexy, aber nicht mehr arm. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.
          EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (links) mit Kanzlerin Angela Merkel nach ihrem Treffen in Berlin

          Von der Leyen in Berlin : Die gütige Gabenbringerin aus Brüssel

          Ursula von der Leyen kommt aus Europas Hauptstadt nach Berlin. Neben monetären Zusagen in Milliardenhöhe bringt die EU–Kommissionspräsidentin auch noch viele freundliche Worte mit sich.
          „Ich habe das im Internet ganz anders gefunden“: Einen komplexen Beratungsbedarf bei einer Unternehmensnachfolge sollte man nicht mit einer Suche im Netz klären.

          Kolumne : Fünf Dinge, die als Unternehmensberater nerven

          „Ich habe das im Internet ganz anders gefunden.“ „Sie übersehen die bisher noch nicht genutzten Potentiale.“ „Ich kläre das mal für meine Frau.“ Solche Sätze nerven unseren Gastautoren, einen Unternehmensberater.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.