https://www.faz.net/-gqz-a0jb5

Bachmannpreis-Auftakt : Autor-Scooter

  • -Aktualisiert am

Gibt man ein Stück von Dürrenmatt? Nein, der ORF-Justiziar Andreas Sourij und Moderator Christian Ankowitsch sind allein im Retro-Studio beim Bachmannpreis! Bild: ORF

Das Klagenfurter Studio schwelgt im Retro-Look, die Rede zur Literatur von Sharon Dodua Otoo über Rassismus ist sehr gegenwärtig, die Jury unterhält sich über Videoleinwände: der Bachmannpreis-Auftakt im Corona-Jahr.

          2 Min.

          „Is schon still uman See“, trauert ein altes Kärntnerlied, und wie um dies zu bebildern, zeigt das Fernsehen uns den tiefblauen Wörthersee von oben, Welt ohne Menschen, dann einen nahezu leergefegten Platz mit dem Klagenfurter Lindwurmbrunnen. Rund um das ORF-Theater, wo sich sonst im Sommer Autoren, Kritiker, Lektoren, Agenten und städtisches Publikum tummeln, sieht es nach „Komm in den totgesagten Park“ aus. Aber halt – drinnen, im Studio, brennt noch Licht!

          Es ist eine alte Bauhaus-Schreibtischlampe im fast dunklen Raum. Gibt man ein Stück von Dürrenmatt? Nein, da sitzt der Justitiar des Bachmann-Preises, Andreas Sourij, vom Moderator Christian Ankowitsch konsequent als „der Herr Magister“ angesprochen. Per Lostopf ermitteln die beiden einzigen Menschen im Studio die Lesereihenfolge für die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur. Weitere Requisiten des Regisseurs Klaus Wachschütz deuten eine Mischung aus Retro-Chic und Epischem Theater an: ein Bar-Element in Teak, leere Klappstuhlreihen, verstreute Mannequins und ein Ball Chair der Sechziger im Design von Eero Aarnio, in dem der Moderator zeitweilig fast ganz verschwindet.

          Denkt man an die Geschichte des Literaturfernsehens, könnte man glauben, hier legte man die sagenhafte Sendung „Autor-Scooter“ des SFB wieder auf, in der Zuschauer live anrufen konnten, um mit Peter Härtling oder Jörg Fauser zu telefonieren. Aber wir sind im Jahr 2020: Per Video zugeschaltet ist die Autorin Sharon Dodua Otoo, Bachmann-Preisträgerin von 2016, die nunmehr die Klagenfurter Rede zur Literatur hält. Unter dem Titel „Dürfen Schwarze Blumen malen?“ ist diese ein aktueller Einwurf zu rassistischen Tendenzen, die in der Sprache sichtbar werden.

          Per Video nach Klagenfurt zugeschaltet: Sharon Dodua Otoo hält die Rede zur Literatur
          Per Video nach Klagenfurt zugeschaltet: Sharon Dodua Otoo hält die Rede zur Literatur : Bild: ORF

          Die von ghanaischen Eltern abstammende Britin, die den Preis seinerzeit mit ihrem ersten auf Deutsch geschriebenen Text gewann, changiert nun zwischen literarischer Selbstbestimmung, Sprach- und Gesellschaftskritik: „Blumen malen, ganz ohne Rücksicht auf fehlende Kitabetreuung, finanzielle Einbußen, gesundheitliche Risiken oder rassistische Aggressionen. Für manche von uns der ganz normale entspannte Alltag – und für viele von uns: eine radikale Vorstellung.“ Bemerkenswert ist Otoos Auffassung von Literatur: „Erst durch die Rezeption wird das, was ich schreibe, zu Literatur. Vorher ist es bestenfalls ein Monolog.“

          Das dialogische Prinzip, das für die folgenden sechzehn Stunden Bachmannpreisermittlung unabdingbar ist, wird dieses Jahr durch kommunizierende Röhren hergestellt: Die Juroren sind wie die Autoren auf Video-Leinwänden zugeschaltet. Erster Eindruck davon am Donnerstag war, dass guter Streit sowie unerbittliches Durcheinanderreden auch so möglich sind. Ob die Idee, Kommentare aus den sozialen Medien im Gespräch zwischen Moderator und Magister vorzulesen und eine Art Feedbackschleife zu erzeugen, das Literaturfernsehen revolutionieren wird, muss sich noch zeigen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Bittere Pointen

          Kunstmarkt-Studie : Bittere Pointen

          Kleine Galerien entdecken Künstler bis große Galerien ihnen die Newcomer wieder ausspannen. Die Lage der deutschen Galerien in Zahlen zeichnet ein beträchtliches Marktgefälle ab.

          Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten? Video-Seite öffnen

          Quiz zur Kulturhauptstadt 2025 : Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten?

          Heute entscheidet sich, welche deutsche Stadt europäische Kulturhauptstadt 2025 wird. Zur Wahl stehen Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg. Sagt Ihnen nichts? Oder haben Sie die alle schon bereist? Hier können Sie Ihr Wissen testen!

          Nach dem Ideal

          Annette Humpe wird 70 : Nach dem Ideal

          Denn küssen kann man nicht alleine: Die Musikerin, Texterin und Produzentin Annette Humpe berührt seit 40 Jahren etwas Existenzielles in unserem Popgefühlsverständnis. In diesen Tagen wünscht man sich mit ihr in die Südsee.

          Topmeldungen

          Champions League : Darum ist Dortmund kein absolutes Top-Team

          Der Champions-League-Start ging durch die Niederlage in Rom daneben. Nun steht Dortmund gegen Zenit St. Petersburg schon unter Druck. Mats Hummels glaubt zu wissen, warum es beim BVB noch nicht ganz rund läuft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.