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Glosse Feuilleton : Nostalgieverlust

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Bei Zweitausendeins: die „Geschichte der Frauen” Bild: Zweitausendeins

Billigausgaben klassischer Dichter oder Revolutionsliteratur: In jedem Bücherregal steht irgendein Werk mit dem Signum „Zweitausendeins“. Nun wird der Verlag vom Medienunternehmer Kölmel übernommen. Ein Abgesang.

          Zwanzig Schritte von Frankfurts Kleinmarkthalle entfernt steht das Parkhaus Hauptwache. Außer Konservatoren, die den 1953 errichteten Bau längst unter Denkmalschutz gestellt haben, sowie eingefleischten Architekturfans und verzweifelten Parkplatzsuchern dürfte kaum jemand dieses Gebäude beachten. Dem flüchtigen Blick erscheint es so spillerig und karg wie die benachbarte Kleinmarkthalle. Es sei denn (was selbstverständlich auch für die seit Jahrzehnten als Treffpunkt, vulgo: meeting point fungierende Kleinmarkthalle gilt), man verbindet Erinnerungen mit dem Parkhaus: Hier bezogen die Jugendrevolte und die Hippiesanftheit, das kritisch-marxistische Denken und der cannabisbeflügelte Traum ihre Kraft - denn im Erdgeschoß residierte der Laden des Frankfurter Verlags Zweitausendeins.

          In jedem Bücherregal - es gehöre einem Altachtundsechziger oder dessen Kindern, vielleicht sogar Enkeln - steht irgendein Werk mit dem Signum, das so bedeutungsschwanger an die „Odyssee im Weltraum“ erinnert. Nicht minder bedeutend das Gründungsdatum des Verlags: 1969. Natürlich bot man Revolutionäres wie Wilhelm Reichs „Massenpsychologie“. Aber auch der Bildungshunger - „Nur wer es kennt, besiegt das Establishment“ - wurde bedient: Billigausgaben klassischer Dichter wurden verlegt, und Klassik war, ebenfalls zu Niedrigpreisen, ein Teil des Schallplattenprogramms. In ihm wiederum konnte man sich Sammelausgaben von Bob Dylan leisten oder Leonard Cohen, dessen Texte wiederum, einfühlsam übersetzt, als Buch erhältlich waren.

          Man blieb sich treu

          Die Bildungslust überdauerte das Rebellentum. So kam es, daß Wolf Wondratschek bei Zweitausendeins debütierte. Damalige Erstkäufer verwahren bis heute die Plastiktüte, auf der sein Gesicht, sparsam überschrieben von den eigenen Zeilen, prangt. Selbst in der Wolle gefärbte „Jute statt Plastik“-Anhänger wurden bei ihr schwach. Von anderen Tüten handelte unter anderem das „Große Hanfbuch“, ein weiterer Bestseller aus der Zeit, als Zweitausendeins schon Niederlassungen in allen großen (Universitäts-)Städten eröffnet und zusätzlich einen Versandhandel etabliert hatte.

          Man blieb sich treu bis heute: Eine fünfbändige „ungekürzte“ Ausgabe der „Geschichte der Frauen“ ist derzeit im Sortiment, Charles Darwins „Alle Werke“ oder Eckhard Henscheid, Werkausgabe, Band3, „Polemiken“, dazu „Alles von Bach“ auf sage und schreibe 160 CDs oder „Blondie - Hits der 70er und 80er Jahre“. Solide wirkt das und verkaufsfördernd nostalgisch auch. Natürlich hat man schon lange das Schmuddelimage abgelegt, Zweitausendeins ist allerorten vor Jahren vom Milieu in die Einkaufszonen gewechselt. Vergeblich, wie nun bekannt wurde: Der Münchner Medienunternehmer Michael Kölmel übernimmt den Verlag. Von „zwei Profilen“ spricht Kölmel, die „am Markt auf eine im Kern gemeinsame anspruchsvolle Zielgruppe zugeschnitten sind“. Man muß kein Nostalgiker sein, um diesen Zuschnitt als Verschnitt zu fürchten.

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