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Frankreich am Scheideweg : Jetzt braucht nur noch Marine Le Pen die Wahl zu gewinnen

Trauernde Frau in Nizza: Frankreich ist in den letzten beiden Jahren das häufigste Anschlagsziel in Westeuropa

Kepel beharrt darauf, diese Strategie des radikalen Islamismus zum Nennwert zu nehmen. Für ihn ist der Dschihad kein sekundäres Phänomen, das sich verbreitet, weil es tatsächlich oder ihrer Einbildung nach an den Rand der Gesellschaften gedrängten Gruppen eine religiöse Legitimation und Identität an die Hand gibt. Der Islamismus, da lässt Kepel gegenüber seinen Kritikern nicht locker, sei nicht bloß der Brandbeschleuniger, sondern das Problem selbst. Seinen Opponenten Olivier Roy führt er selbst an, wenn er diese Auseinandersetzung berührt. Man kann auch an einen Autor wie den hierzulande rege übersetzten Alain Badiou denken, für den der Dschihad die religiöse Überformung einer „faschistischen“ Reaktion auf den globalen Kapitalismus und seine unvermeidlichen Ausschließungsmechanismen ist (F.A.Z. vom 29. Juli 2016).

Dieser Streitpunkt ist nicht bloß akademischer Natur. Denn von ihm hängt ab, welcher Stellenwert dem Vorwurf der „Islamophobie“ westlicher Gesellschaften eingeräumt wird. Kepel weiß natürlich, dass weit rechts tatsächlich Ressentiments gegenüber dem Islam und den Muslime kultiviert werden. Nach seiner Diagnose haben diese Ressentiments aber gerade deshalb gute Chancen auf weitere Verbreitung – ganz nach der Strategie des „Aufrufs“ –, weil der Vorwurf der Islamophobie erfolgreich vom weiter schwelenden Problem eines ungebrochenen französischen Dschihadismus ablenke.

Sie könnte Präsidentin werden: Marine Le Pen.

Wie das geht, führt Kepel an dem Gebrauch vor, den das Collectif contre l’Islamophobie en France (CCIF) vom unseligen Verbot des Burkini an einigen Stränden Frankreichs nur wenige Tage nach dem Massaker auf der Uferpromenade von Nizza und etwas später von einem Vorfall in einem Städtchen der Île-de-France – zwei verschleierte Musliminnen waren mit einem Gastwirt in Streit geraten – zu machen wusste. Man meint seine Zähne knirschen zu hören, wenn er schildert, wie das gerade erst vom dschihadistischen Anschlag ins Mark getroffene Frankreich im Handumdrehen auf die Anklagebank kam. Was er konstatiert, ist eine „Stigma-Umkehrung“, die in seinen Augen auf fatal reibungslose Weise funktioniert: Die Anprangerung rassistischer Ressentiments verdeckt dabei erfolgreich das tatsächliche Problem.

Kepels Ton ist noch dringlicher geworden, als er es ohnehin schon war. Er sieht den Gesellschaftsvertrag, der alle Bürger ungeachtet ihrer Herkunft, Religion und sonstigen Zugehörigkeiten auf die gemeinsamen Werte der Republik verpflichtete, in Gefahr. Der drohende Bruch, von dem der Titel spricht, meint abgeschottete muslimische Gemeinschaften auf der einen, nationalistische Fundamentalisten auf der anderen Seite. Man möchte das gerne für eindeutig übertrieben halten, aber so ganz sicher ist das nicht. Und das Votum türkischer Mitbürger gegen eine funktionsfähige Demokratie lässt sich auch nicht gerade als schlagendes Argument gegen Kepels Meinung ins Feld führen, dass andere europäische Staaten noch auf Probleme zugingen, die Frankreich bereits habe.

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