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Gießener Dachbodenfund : Streit um Schorsch

Die Büchner-Spezialisten Roland Borgarts, Burghard Dedner, Günter Oesterle, Mechthild Haas und Reinhard Pabst in der Bibliothek der Mathildenhöhe Bild: Wohlfahrt, Rainer

Trug Georg Büchner gern Piratenkluft? Am runden Tisch auf der Mathildenhöhe zu Darmstadt wird der Nachlass August Hoffmanns unter die Lupe genommen. Was bleibt von dem „Jahrhundertfund“?

          3 Min.

          Es ist nur eine Zeichnung, doch sie versetzt eine ganze Gemeinde in Aufregung, die Büchnergemeinde. Kurz vor dem zweihundertsten Geburtstag ihres Patrons ist eine heftige Debatte ausgebrochen, die sich an einem Dachbodenfund entzündet hat. Es geht um ein Porträt, das möglicherweise den zwanzigjährigen Georg Büchner zeigt, und es geht um Macht- und Verteilungskämpfe, um Deutungshoheit und Territorialgewinne, die in Quadratzentimetern gemessen werden. Denn Büchnerland ist klein, ein schmaler Streifen nur auf dem weiten Terrain der Weltliteratur, allerdings in exquisitester Lage. Da lohnt der Einsatz bis aufs heiße Philologenblut.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Hermann Kurzke hat in seiner unlängst erschienenen Biographie den Versuch unternommen, Büchner gegen den linken Strich zu bürsten, ihn den Deutungsmustern und Besitzansprüchen der Achtundsechziger zu entreißen und den Sozialrevolutionär als früh ermüdeten Sozialromantiker darzustellen. Wenig später tauchte auf einem Gießener Dachboden das Porträt eines jungen Mannes im Kostüm eines Operettenpiraten auf, der sich mit begrenztem Erfolg bemüht, kühn und entschlossen dreinzuschauen. Nach Ansicht namhafter Experten könnte dies Georg Büchner sein. Sensation, rufen die einen. Skandal, die anderen. Das muss (und soll) doch Büchner sein! Das kann (und darf) nicht Büchner sein!

          Am runden Tisch zu Darmstadt auf der Mathildenhöhe, wo der Fund vor drei Wochen vorgestellt worden war, hat man sich jetzt getroffen, um das Für und Wider zu erwägen. Ein Gemetzel schien sich anzukündigen, Nahkampf mit schwerem Philologensäbel. Ruth Wagner, Hessens ehemalige Ministerin für Kunst und Wissenschaft, fordert eine chemische Analyse, mit der das Alter des Papiers festgestellt werden soll. Mechthild Haas, Kunsthistorikerin und Leiterin der Graphischen Sammlung des Hessischen Landesmuseums, versichert, dass es sich um Papier aus dem neunzehnten Jahrhundert handele. Russische, hessische oder sonstige Fälscherbanden scheinen ihre schmutzigen Hände also nicht im Spiel zu haben - gute Nachricht. Das Bundeskriminalamt, das über gewisse Erfahrungen mit biometrischen Methoden zur Gesichtserkennung verfügt, könnte sich nützlich machen, hat sich aber auf Anfrage reichlich zugeknöpft gezeigt - schlechte Nachricht.

          Dann werden die wichtigen Fragen von Autorschaft und Datierung geklärt: Das Porträt stammt zweifellos von der Hand des weitläufig mit Büchner verwandten Theatermalers August Hoffmann, der es 1833 signiert hat. Aber sieht die Drei nicht eher aus wie eine Neun? Dann wäre das Blatt erst 1839 und damit zwei Jahre nach Büchners Tod entstanden. Jetzt werden Datierungen verschiedener Blätter Hoffmanns miteinander verglichen, bis alle Zweifel ausgeräumt sind: Das Porträt stammt von 1833. Für einen Moment herrscht Einigkeit. Der Schatten von Sherlock Holmes liegt jetzt über der Mathildenhöhe. Schade, dass niemand Pfeife raucht.

          Bislang waren nur zwei Bildnisse bekannt, die zu Büchners Lebzeiten entstanden sind, eines davon, bislang irrtümlich als Porträt Büchners „im Polenrock“ bezeichnet, stammt von Hoffmann. Ein drittes Porträt wäre also in jedem Fall ein Sensationsfund. Was die Gießener Zeichnung jedoch so umstritten macht, ist die Art der Inszenierung, die den Porträtierten in einer Art Piratenkostüm mit einem Notenblatt aus der damals populären Oper „Zampa oder Die Marmorbraut“ zeigt. Hoffmann hat akribisch Noten und Text eines Klavierauszugs kopiert, so dass beides mit bloßem Augen lesbar ist. Warum diese Sorgfalt im Detail? Und warum sollte der junge Büchner überhaupt auf die Idee gekommen sein, sich in der Pose des Korsarenhauptmanns Zampa, eines großmäuligen Frauenhelden, darstellen zu lassen? Burghard Dedner, Leiter der Marburger Büchner-Forschungsstelle, vermutet darin ein Rollenspiel zwischen Büchner und seiner Verlobten Wilhelmine Jaeglé, für die das Porträt Dedners Vermutung zufolge bestimmt gewesen sein könnte. Ausgeschlossen, sagt Reinhard Pabst, der Vertreter der Gegenfraktion, der den Porträtierten genüsslich-giftig als „Pseudo-Schorsch“ bezeichnet. Niemals wäre Büchner so weit unter sein Niveau gegangen. Dedners These sei „an den pomadigen Locken dieses Gießener Bill Haley herbeigezogen“. Dedner lächelt, auch wenn es schwerfällt.

          Aber Reinhard Pabst, der erfahrene Literaturdetektiv, hat es auch nicht leichter. Seine These, es könne sich bei dem Dargestellten um einen Operntenor in der Rolle des Zampa handeln, möglicherweise um August Hoffmanns Bruder Ludwig, der Sänger war, klingt durchaus plausibel, lässt sich indes bislang ebenso wenig belegen wie die Vermutung, es könne sich um ein Selbstbildnis August Hoffmanns handeln. Pabst mahnt an, nun müsse der umfangreiche Gießener Nachlass, aus dem das umstrittene Porträt stammt, gründlich untersucht werden. Vielleicht können Briefe oder Tagebücher Aufschluss geben. In einem Punkt sind sich die Büchner-Experten jedoch einig: Sollte das Porträt des roten Korsaren von Darmstadt wirklich Georg Büchner zeigen, müssten wir unser Bild des Dichters korrigieren. Dann stünde die Büchner-Forschung im Bann eines Piratenkostüms, das sich so leicht nicht wieder abschütteln ließe.

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