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Gewinnertext Klagenfurt 2015 : Nora Gomringer: „Recherche“

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Diese zwei Brüder Philipp und Thomas sind besondere Bestien. Später tragen beide Anzüge, greifen nach allem, was sie kriegen können, lassen sich vieles durch die immervollen Hände rinnen, indem sie nicht begreifen, dass sie in der Gönnerstraße bereits alles verspielt haben. Die Geduld der Welt mit ihnen ist hin.

Shit. Ich stehe draußen, hab die Türe zur Wohnung der Leus geschlossen. Bin wie benommen. Stumpf. Ausgeräumt. Die beiden Söhne sind laute Wilde, von der Mutter, etwa Mitte 40, braune Haare, etwas schmuddelig, sehr geradeaus, verbindlich, aber irgendwie nicht sympathisch, erfahren, dass Tobias Gerling wohl schwul gewesen ist und sich selbst gerichtet hat. 13 Jahre alt, stellt sich auf den Balkon, springt. Eddingschrift an der Wand. Geschrieben, nicht geschwunden. Der Gott der verlorenen Dinge ist hier anzurufen für den Jungen. Vielleicht noch mal hoch zur Terp. Gott, frische Luft mal gerade.

Wieder stoppt Nora Bossong die Aufnahme und zum ersten Mal seit Tagen, will es ihr scheinen, als ob sie nach draußen dürfte. Draußen ist alles noch da: das verschwundene Kind, das eingerollte Absperrband, die gaffenden Leute, die nach Hause gegangen sind. Frau Bossong wird vom Wassermann, vom Erlkönig beobachtet, der auf der linken Schaukel die Beine lang macht, um höher zu kommen. Dass er nicht in die Häuser hinein kann, grämt ihn gar nicht. Weil sie alle so aussehen, wenn sie heraustreten: so voller Verlieren. Als Sammler kann man sich das nicht leisten. Ob sie schon weiß, dass der Kleine ein Glühender war, den man erstmal löschen musste. Ein heißer kleiner Mensch, jung und zart, voller Liebe für diesen anderen Jungen. Wer vor den Gebäuden steht, der begreift sie letztendlich. Sie und alle in ihnen. Und wenn einer springt, steht er da und hat sein Maul an den Kieferscharnieren ausgehängt.

Der Gott der verlorenen Dinge. Ich glaube immer noch, dass der Titel gut ist. Muss er durch, der neue Lektor. Wer bist du denn?

Und nun geschieht, was auf der Aufnahme keinen Raum finden wird, aber letztlich alles verändert. Nora Bossong wird angerührt von einem kleinen Mädchen. Insgesamt ist es eine ganz seltsame Begegnung, denn eigentlich sind es der Vater und die kleine Schwester des verstorbenen Jungen, auf die die Autorin Bossong ganz unverminderter Geschwindigkeit im Ablauf der Dinge in der Welt trifft. Der Vater hat das Mädchen auf dem Arm, er fasst es sicher, er hält es warm. Die Bossong kennt ein Foto des Mannes. Die Terp hatte es ihr vor drei Tagen hingestreckt.

Der Vater, ja. Der Vater lebt mit der kleinen Schwester im ersten Stock des Hauses. „Das ist ja auch seltsam, nicht?“, hatte die Terp geschnattert.  Für die Bossong hatte sich ein Rätsel entsponnen. Die Terp zur Pflegemutter zu machen mit ihrer bescheuerten Tochter, das kam ihr arg vor.

Die Autorin wird das Gespräch mit den beiden wie folgt aufzeichnen:

tobias

ist tobias

war tobias

 tobias gefallen aus luft

auf erde

ja klar

war tobias

noch alle wieso

ganz wieso

warum

wer fällt 5. stock

oh je ungück

kleine schwester spricht kein l

ungück, so ungück

heißt das bei der

der junge ist so wie

ein vvvvv

ein vvvvv

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