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Hörbuch von Kazuo Ishiguro : Nebel heilt alle Wunden

Der japanische Autor und Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro Bild: EPA

Mit polternder Gemütlichkeit liest Gert Heidenreich den Roman „Der begrabene Riese“. Wird er damit Kazuo Ishiguros Geschichte über ein keltisches Ehepaar im sechsten Jahrhundert gerecht?

          Der vorläufig letzte Träger des Literaturnobelpreises hat mit seinem vorläufig letzten Roman, auf den seine Leser zehn Jahre lang warten mussten, den Beweis vorgelegt, über welche Kraft Literatur verfügt. Wenn sie sich ganz auf sich konzentriert, wenn sie nicht meint, dem Ich und seiner Verflechtung in Biographie und Gegenwart, Gefühlen, die Millionen teilen, nachlaufen zu müssen. Dennoch hat „Der begrabene“ Riese“, vor drei Jahren erschienen, heftige Abwehrreaktionen hervorgerufen. Was das solle, wurde gefragt: Ob Kazuo Ishiguro, der gepriesene Autor von Hochliteratur, jetzt einen auf „Herr der Ringe“ machen wolle? Fantasy? Das will er nicht. Er kümmert sich nur nicht im Geringsten darum, Leseerwartungen zu befriedigen oder das immergleiche Buch noch einmal zu schreiben.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Diesmal führt er in das England des sechsten nachchristlichen Jahrhunderts. Die Kelten sind noch da, doch von Osten her übers Meer kommen die Angeln und die Sachsen, die sie vertreiben und also vernichten werden. Die Landnahme war schon einmal im Gange, nun pausiert sie nach einem Bürgerkrieg in einem brüchigen Frieden. Zur Heilung der Wunden trägt der Nebel bei, den die Drachin Querig ausstößt. Der Text tritt also ganz und gar unmodern auf – keine Aufklärung, keine Aufarbeitung, sondern Stillstand, Verdrängung, Nicht-Wissen.

          Ein Land ohne Überlieferung

          So sind auch die Protagonisten der Geschichte, das alte Ehepaar Axl und Beatrice, nicht mehr Herr ihrer Erinnerung. Geduldet von der Dorfgemeinschaft, aber gerade mal so: Nicht einmal eine Kerze für die Nacht gönnt man ihnen. Also beschließen sie, ein paar Dörfer weiterzuziehen, um noch einmal ihren Sohn zu sehen, an den sie sich zu erinnern glauben. Auf dieser Reise, die recht verhalten beginnt, lagern sich an die beiden Wanderer weitere Figuren an. Der sächsische Krieger Wistan, der Knabe Edwin, der eine rätselhafte Verletzung hat, die man zunächst Menschenfressern zuschreibt. Schließlich der Ritter Gawain, letzter Überlebender der legendären Tafelrunde des Königs Artus, der durch die Lande streift, um die Drachin zu erlegen, so jedenfalls sein offizieller Auftrag. Gawain ist auf einer Queste. Und als Hörer sind wir es mit ihm, in dieser uralten Erzählform.

          Kazuo Ishiguro: „Der begrabene Riese“. Gelesen von Gert Heidenreich.

          Sie führt in ein Land ohne Überlieferung oder mit zumindest vorübergehend abwesender Überlieferung. Dafür gibt es neben den Menschenfressern bösartige Kobolde, ein stiergroßes Ungeheuer mit Hundekopf, Mönche, die gar unchristlich agieren. Aber es hat keine Orks im Angebot, die Menschenwelt ist anders als bei Tolkien nicht in Teilen pervertiert: Man mag sich misstrauen, geht aber sehr förmlich miteinander um. Die Anreden lauten „Prinzessin“, „Herr“, „Meister“, „Herr Ritter“, „junger Krieger“ und so weiter. Wenn man auch nur mit Lumpenbündeln unterwegs ist, die Form wird gewahrt, als säße man in Downton Abbey zu Tisch.

          Kälter und zugleich unheimlicher

          Die Verlagswerbung schreibt aufs Cover: „Tiefgründig gelesen von Gert Heidenreich“. Und wie klingt das? Reichlich seltsam. Heidenreich, der über die Maßen erfahrene und in vielen tausend Sprecher- und Vorlesestunden bewährte Schriftsteller, hat sich dazu entschieden, seinen Figuren einen irgendwie historischen Ton aus Technicolor-Ritterfilmen zu geben. Eine polternde Gemütlichkeit herrscht vor.

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          Beatrice klingt durchgehend wie ein verängstigtes und naives Dummerchen, ein Frauchen, das vielleicht einst schön war, wie sich ihr Mann zu erinnern glaubt, aber das heute durch Schutzbedürftigkeit glänzt, die Durchtriebenheit verbirgt. Ihr Mann Axl, der gelegentlich Ahnungen hat, dass er einst etwas anderes war als ein gutgelaunter Frauenversteher, spricht seine Holde penetrant mit „Prinzessin“ und ist ansonsten auch in Lebensgefahr in unterirdischen Gängen im Angesicht eines Monsters nicht aus seiner Ruhe zu bringen. Gawain, die schillerndste Figur in Ishiguros Roman, legt Heidenreich wie einen bramarbasierenden Alten an, der einer Kindergartengruppe von seinen Kriegserlebnissen berichtet. Schärfer, zwielichtiger immerhin kommt der sächsische Krieger Wistan daher, von dem nichts wirklich Gutes zu erwarten ist, wie schnell klar wird.

          Im letzten Drittel der dreizehneinhalb Stunden Vorlesezeit, als Gawain und ein mysteriöser Fährmann die Erzählerposition übernehmen und die Dialoge in den Hintergrund treten, fängt Heidenreich die Erzählung ein und vermittelt eine Ahnung davon, dass man dieses Buch auch anders zum Klingen hätte bringen können – kälter und zugleich unheimlicher, um ihm in seiner sorgsam komponierten Entwicklung auf ein wirklich großes, überraschende Finale hin gerechter zu werden.

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