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Zum Tod von Gerhard Schulz : Der klügste Freund der Romantik

„Da Germanistisch hier keine Umgangssprache ist, werde ich hoffentlich den richtigen Ton treffen“, schrieb Gerhard Schulz aus Australien an Reich-Ranicki. Bild: Verlag C.H.Beck

Stil, Kenntnis, Redlichkeit: Wann immer Gerhard Schulz vom fernen Melbourne aus über deutsche Literatur schrieb, war das ein Fest. Nun ist der Germanist und Kritiker kurz vor seinem 94. Geburtstag gestorben.

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          Dass Literaturkritik mit Urteilslust und Wissen, aber auch mit Verantwortung zu tun hat, ist den Texten von Gerhard Schulz jederzeit abzulesen. Der Germanist, der bis 1992 in Melbourne lehrte, beherrschte die kleine Form der eleganten Kurzkritik ebenso gut wie die der längeren Erörterung eines komplexen Gegenstands und nutzte auf beiden Wegen seine stupenden literarhistorischen Kenntnisse. Bösartigkeit, gar Vernichtungswillen konnte ihm dabei niemand nachsagen, aber wo es Grund zu Unmut gibt, wird das rasch deutlich, bisweilen schon im ersten Satz.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          „Anfangs ist das ein Buch zum Zuklappen“, so beginnt Schulz’ Rezension von Helmut Kraussers Roman „Thanatos“ im April 1996, gefolgt von dem Satz: „Je nach Temperament möchte man es verärgert, angeödet oder degoutiert aus der Hand legen. Denn da ist zunächst die Sache mit der Romantik“ – und wen dieser Beginn, trotz oder gerade wegen dieses harschen Urteils, nicht in die Rezension hineinzieht, dem ist nicht zu helfen.

          Die Leser dieser Zeitung konnten sich seit 1974, als Schulz der Einladung Marcel Reich-Ranickis folgte und seine erste Rezension für die F.A.Z. schrieb, darauf verlassen, dass dieser Autor nicht nur witzig schrieb und klug urteilte, sondern sein Urteil jederzeit zu hinterfragen bereit war, dass er bei aller Sicherheit offenlegte, von welchem Standpunkt aus er argumentierte, und sie konnten darauf vertrauen, dass er noch das harscheste Urteil relativierte, wenn es neben dem Ärgernis auch etwas zu schätzen gab – im Fall von Kraussers „Thanatos“ ist es die Schilderung einer bestimmten Disposition der Hauptfigur.

          Die Grenze zwischen Erfindung und Realität

          Dass er in dem Roman ein fernes Echo von Novalis feststellen konnte, war kein Wunder, schließlich gehörte Schulz zu den besten Kennern von Texten der Romantik. Zugleich hinterfragte er in zahlreichen Rezensionen zur Romantik den Gebrauch des Worts, zerpflückte freundlich populäre Darstellungen zum Thema, von denen danach wenig übrig blieb, und eröffnete seinen Lesern zugleich eine Perspektive auf Texte von Novalis, Hoffmann, Brentano oder der Günderrode, die nachhaltiger für diese warb als die meisten der von ihm besprochenen Bücher.

          Wer es genauer wissen will, kann die zweibändige „Deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration“ befragen, die Schulz zwischen 1983 und 1989 publizierte, seine Novalis-Biographie oder seine Studie zur Romantik.

          Schulz, der am 3. August 1928 in Löbau geboren wurde, in Leipzig studierte und 1959 nach Australien ging, begab sich in jeder seiner Rezensionen in eine enge, gewissenhafte Verbindung mit dem besprochenen Text. Aber er war sich immer seiner Position bewusst und forderte das auch von anderen ein.

          Angesichts einer ästhetisch argumentierenden Darstellung der Selbstmorde von Kleist und der Günderrode erinnerte Schulz daran, „dass auch die sachlichste Wissenschaft nie aus den Augen verlieren sollte, welche Grenzen es zwischen einer gedanklichen oder poetischen Erfindung einerseits und realem Leben wie realem Tod andererseits gibt“, und zieht den überaus beherzigenswerten Schluss: „Hinter dem intelligent argumentierenden Wissenschaftler sollte also immer deutlich der ethisch urteilende Mensch spürbar bleiben, der sich des großen Unterschieds zwischen Idee und Wirklichkeit bewusst ist.“

          Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Gerhard Schulz am 23. Juni in Melbourne gestorben, wenige Wochen vor seinem 94. Geburtstag.

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