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„Das Mädchen mit der Leica“ : Belohnt Fotografie Opportunismus?

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Die Eigenständigkeit ihres Werkes wurde erst mit dem „Mexikanischen Koffer“ wiederentdeckt: Kontaktabzug von Gerda Taro aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Bild: Picture-Alliance

Helena Janeczek erzählt in ihrem Roman „Das Mädchen mit der Leica“ von der Fotografin Gerda Taro. Eine Biofiktion mit großer Faktennähe, die vom Leben der kreativen und politisch engagierten Frau berichtet.

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          Schwierige Themen haben ihr Gutes: Wer sie sich hart erarbeiten muss, vermeidet Bequemlichkeitsfehler und gibt eigenen Neigungen nicht vorschnell nach. So gesehen, stellt sich Helena Janeczeks Roman „Das Mädchen mit der Leica“ einer Herausforderung: Er erzählt die Geschichte der Fotografin Gerda Taro (1910 bis 1937), Lebensgefährtin von Robert Capa, die in Leipzig aufwuchs und zur Sozialistin wurde, 1933 vor den Nazis nach Paris flüchtete, dort ihr Handwerk lernte, 1936/1937 aus dem Spanischen Bürgerkrieg berichtete und schließlich in El Escorial von einem Panzer überrollt wurde; ihre Beerdigung wurde ein Fanal gegen den Faschismus, mit Louis Aragon und Pablo Neruda an der Spitze des Trauerzugs. Taros Bedeutung als Fotografin wurde vor wenigen Jahren auf abenteuerlichen Wegen evident: 2007 tauchte in Mexiko ein Koffer mit Tausenden Negativen auf, die als verschollen gegolten hatten. Sie belegten Eigenständigkeit und Relevanz von Taros Werk.

          Aus diesem sowieso schon romanesken Leben einer unabhängigen, kreativen und politisch engagierten Frau einen Roman zu machen lag derart auf der Hand (tatsächlich gibt es den Vorläufer „Warten auf Robert Capa“ von Susana Fortes, 2009), dass die Wahrscheinlichkeit, ihn in den Sand zu setzen, gigantisch war. Umso erfreulicher ist es, dass die 1964 geborene deutsch-italienische Schriftstellerin, Verlagsberaterin und Journalistin Janeczek die Schwierigkeit zu meistern und die Stärken ihres Gegenstands zu nutzen gewusst hat.

          Sie schlüpft in den Kopf von drei Taro Nahestehenden: Willy Chardack, Ruth Cerf und Georg Kuritzkes, Juden wie Taro und Capa, und dementsprechend im Exil. Die zwei ehemaligen Geliebten sind in der Gegenwart des Jahres 1960 Ärzte: Chardack, der den Herzschrittmacher mitentwickelt, hat großen Erfolg, während Kuritzkes wenig enthusiastisch für die Vereinten Nationen arbeitet; Cerf hingegen blickt aus kurzer Distanz zurück, nämlich aus dem Paris des Jahres 1938, kurz vor ihrer Ausreise in die Schweiz. Durch die verschiedenen Blickwinkel setzt sich ein wenn nicht gebrochenes, so doch nuanciertes Bild der jungen Frau zusammen.

          Ein Anruf verbindet die drei Teil des Romans

          Dank eines Anrufs sind die drei Teile verbunden: Nach einem Glückwunschtelefonat erinnern sich Chardack und Kuritzkes am selben Tag an Taro, der eine in Buffalo, der andere in Rom; Cerf hat Chardacks Telefonnummer geliefert. Alle drei kennen sich und Taro aus Leipziger Zeiten, haben sich im Pariser Exil wiedergefunden und erst auf der zweiten Flucht vor dem Nationalsozialismus aus den Augen verloren, was dazu führt, dass jede der Figuren mehrere Zeitebenen evoziert; nicht immer ist lupenrein klar, welche der Roman gerade anspricht, was einen unkundigen Leser anfangs chronologisch ins Stolpern bringen kann. Das Aufbrechen eines linearen Handlungsschemas allerdings ist der (akzeptable) Preis für Farb- und Lebhaftigkeit der Darstellung.

          Wer war Gerda Taro? Viel und heftig begehrt, lässt sie sich auf diverse Männer ein, ohne Rücksicht auf Anstandsregeln. Doch sie ist weit mehr als ein Spielball männlicher Leidenschaften oder die gelehrige Schülerin sozialistischer Prediger: „Sieh sie dir an, hatte sie gedacht, diese kleine Person, die sämtliche Blicke auf sich zieht, dieses Inbild an Eleganz, Weiblichkeit und Koketterie, bei dem niemand so etwas vermuten würde, fühlt und handelt wie ein Mann.“

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