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Georges Werkausgabe abgeschlossen : Aus nasser Nacht ein Glanz entfacht

  • -Aktualisiert am

Stefan George im Kreis seiner Anhänger: Karl Joseph Wolfskehl, Alfred Schuler, Ludwig Klages, George selbst und Albert Verwey Bild: Archiv

Mit seiner zu Lebzeiten veröffentlichten Werkausgabe konnte sich Stefan George erfolgreich der Wissenschaft entziehen. Mit dem Abschluss der kommentierten Ausgabe siegt nun die Philologie.

          Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen“, heißt es in Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ - aber Rilkes Zeitgenosse Stefan George hat für sein eigenes Werk wohl genau das zu verhindern gesucht, indem er es noch zu Lebzeiten in eine endgültige Form bringen wollte. George habe durch „editorische Einbalsamierung“ sein Werk der Philologie entziehen wollen und es auch tatsächlich geschafft, seine Poesie auf Jahrzehnte vor dem Zugriff der Wissenschaft zu versiegeln, sagte der Literaturwissenschaftler Ernst Osterkamp in seiner Rede im Stuttgarter Literaturhaus. Die Norm der Endgültigkeit aber ignoriere geschichtliche Wirklichkeit.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit der Veröffentlichung des Schlussbands der kritischen Edition der sämtlichen Werke Georges im Klett-Cotta Verlag, die nun in Stuttgart gefeiert wurde, ist die werkpolitische Dominanz ihres Autors endgültig Geschichte. Der Verleger Michael Klett, der 1978 die Rechte an Georges Werk von Helmut Küpper, dem Nachfolger Georg Bondis, erworben hatte, erzählte in einer anekdotenreichen Erinnerung, wie schwierig sich seinerzeit die ersten Verhandlungen mit der George-Stiftung gestaltet hätten, die noch stark den Maximen des Meisters folgte, schließlich aber der Neuedition von Georges Gesamtwerk mit kritischem Apparat zustimmte.

          Ein „Sieg der Philologie über den Mythos“

          Was diese Edition unter der Ägide Ute Oelmanns mit ihren nunmehr achtzehn Bänden geleistet hat, ist in Osterkamps Augen nicht weniger als eine Entmythologisierung, die klarmacht, dass auch bei George die Gedichte nicht gleich „ins Papier gemeißelt“ gewesen seien. Anhand des Siglenverzeichnisses der Textquellen, ihrer Varianten und der Datierungen seien nun, wie bei anderen Dichtern auch, Stadien der Vorläufigkeit zu erkennen, so mancher Konzeptionswandel und gelegentlich auch veränderte Intentionen. Wenn man zum Beispiel sehe, wie George in seinem Gedicht „Geheimes Deutschland“ die mehr an seine Frühzeit erinnernden „Purpurwolken“ durch „Fosforwolken“ ersetzt habe, so sei dies eben ein Unterschied ums Ganze. Durch die nun ersichtliche Offenheit und Vieldeutigkeit gewinne George viel von seiner Modernität zurück, sagte Osterkamp und gratulierte der Editorin Oelmann zu einem „Sieg der Philologie über den Mythos“.

          Ob der tatsächlich schon so ganz errungen ist, wurde jedoch noch einmal neu in Frage gestellt, als die Stuttgarter Feierstunde in ihren rezitatorischen Teil überging. Denn nun beschwor der Literaturwissenschaftler Bernhard Böschenstein doch noch einmal jenen psalmodierenden Ton des George-Kreises, den Michael Klett in seiner Erinnerung an Begegnungen mit Georges Schüler Robert Boehringer kurz zuvor eher ironisiert hatte, und sprach sich emphatisch für George als einen jener Dichter aus, der wie Sophokles, Pindar oder Mallarmé „nur im Laut“ existiere. Böschenstein, im Programmheft angekündigt als „der Genfer Homme de Lettres“, lächelte beim Vortragen seiner Überzeugungen stets so beseelt, als habe ihn gerade der Engel der Geschichte geküsst. Bei der George-Rezitation wandelte er sich dann aber zu einem Klagenden, der aus einem Atem noch das Letzte herausholt und die an Vokalen reichen Gedichte tief auslotet: „dunkle große schwarze blume“; „aus nasser nacht ein glanz entfacht“.

          Bei diesem inspirierten Vortrag war sie dann doch wieder verständlich, jene Vorstellung vom Nachleben Georges, das Ulrich Raulff in seinem Buch „Kreis ohne Meister“ unter Rückgriff auf einen Essay Friedrich Gundolfs als „postume Biographie“ beschreibt - ein Weiterleben als Geistwesen, das sich „im Sinn einer geheimen Entelechie entfaltet wie die Goethesche Urpflanze“.

          Ute Oelmans Einwurf im Schlussgespräch mit Böschenstein wirkte dagegen trocken: Bis heute herrsche Streit darüber, ob man Georges Gedichte von ihren orthodoxen Präsentationsformen - denen der Buchgestalt wie denen des Hersagens - trennen dürfe. Sie ließ es sich dann aber nicht nehmen, auch noch ein Gedicht herzusagen, aller Entmythologisierungsarbeit zum Trotz: „Sie sangen’s als er lang schon tot / Bis in die spätste Zeit.“

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