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George Orwell – neu übersetzt : Der Staub der Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

In Zeiten von „Fake News“ sind die Botschaften des „Großen Bruders“ bedrückend präsent: Szene aus der „1984“-Verfilmung von 1955/56. Bild: Picture-Alliance

Das wahre Orwell-Jahr beginnt gerade erst: Deutsche Verlage überbieten einander mit Neuübersetzungen von „1984“ und „Farm der Tiere“. Warum sind sie so beliebt?

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          Ein alltägliches Ereignis: Ein Mann namens Winston Smith betritt das Haus. Draußen ist es ungemütlich kalt und windig, deshalb schließt er schnell die Tür. Aber das gelingt ihm doch nicht schnell genug, um zu verhindern, dass mit dem scharfen Wind eine Dreck-und-Staub-Wolke ins Haus gelangt. Das scheint kaum der Rede wert, und dennoch bietet diese kleine Szene nichts Geringeres als das Erzählprogramm eines der wirkmächtigsten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Werk für unsere Vorstellungs- wie auch Erfahrungswelten, ja unsere Alltagssprache prägend ist wie das kaum eines anderen.

          Es handelt sich um die Eingangsszene von George Orwells „1984“, erschienen im Juni 1949, sieben Monate bevor der Autor im Alter von 46 Jahren starb. Vieles darin ist bedeutungsträchtig, nicht zuletzt der Name des Protagonisten, der mit „Winston“ die Erinnerung an den britischen Kriegshelden Winston Churchill aufruft und ihm mit „Smith“ einen Allerweltsnamen gibt. Am bedeutendsten ist hier aber das scheinbar Nebensächlichste: der Staub, der ins Haus hineinwirbelt, im Englischen „a swirl of gritty dust“. Dieses Adjektiv hat es in sich: „gritty“ heißt so viel wie „sandig“ oder „grobkörnig“, von kleingeschroteter, doch harter und zählebiger Beschaffenheit. Es steht für allerhand, was knirscht und schleift und sich nicht draußen halten lässt. Die Dreck-und-Staub-Wolke zeigt damit sofort programmatisch an, worauf sich der Autor einlässt: die Zumutungen einer Wirklichkeit, vor der andere die Tür lieber verschließen.

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