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Georg-Büchner-Preis : Glanz und Elend der föderalen Gelehrtenrepublik

  • -Aktualisiert am

Josef Winkler nimmt im Darmstädter Staatstheater den Georg-Büchner-Preis an Bild: dpa

Die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung fragt nach Poetiken in unserem Einwanderungsland und ehrt den Büchnerpreisträger Josef Winkler. Der sieht in der Literatur vor allem die Möglichkeit, den Selbstmord aufzuschieben.

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          Was für eine Idee! Grandeur! Sich an den Nachbarn, auf die man eben noch geschossen hat, ein Vorbild zu nehmen: Denn unbestreitbar war ja die enorme Bedeutung der im siebzehnten Jahrhundert gegründeten Académie française für die französische Sprache und Literatur, ob nun trotz oder wegen ihres puristischen Dogmas. Ein solcher Zirkel auch in Deutschland? Die größten Sprachgenies der Nation auf Lebenszeit berufend? Fast sechzig Jahre nach Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die jedes Jahr mit zwei Tagungen und fünf bedeutenden Preisen hervortritt, scheint es immer noch erstaunlich, dass dem Verband deutscher Autoren dies tatsächlich gelang.

          Wie um alles in der Welt aber kam man auf die Idee, diese Institution von den intellektuellen Zentren abzukoppeln und in die hessische Provinz zu verlegen? Hüben Paris, hier Darmstadt. Diese Stadt mit dem hässlichstdenkbaren Namen (weshalb man mittlerweile gerne „Wissenschaftsstadt“ sagt), die nur einige empfindsame Heulsusen hervorgebracht hat, verließ schon der berühmteste Kurzzeitbewohner, Georg Büchner, der hier über Selbstmord philosophierte, fluchtartig. Und auch Johann Heinrich Merck beging in dieser Stadt 1791 Suizid.

          Kulturkritik aus allen Rohren

          Man kann in Darmstadt aber auch sehr alt werden. Inzwischen hat die Akademie begonnen, der Vergreisung entgegenzuarbeiten durch offensive Integration der mittleren und jüngeren Generation. Im Rahmen der Herbsttagung aufgenommen wurde soeben Daniel Kehlmann, der bei seiner Vorstellung Abbitte dafür tat, etwas so Rohes wie einen Bestseller geschaffen zu haben, der sich „schlechthin unsinnig gut verkaufte“. Mehr Applaus bekam Neumitglied Jens Malte Fischer, Münchener Kulturwissenschaftler, für den es - arg prätentiös - die Hölle auf Erden bedeutet, „im Interschrott zu schlurfen“ oder „sich von Fuzzypedia belehren zu lassen“. Gerne goutiert man in diesem Kreis Durchhalteparolen aus dem E-Book-Krieg: „Vom Kollaborieren zum Kollabieren sind es nur zwei Buchstaben.“

          Doch wird man damit in der Welt da draußen noch gehört? Reflexhaft kulturkritisch begann auch die Ansprache des Akademiepräsidenten Klaus Reichert im Darmstädter Staatstheater: Traf die Keule bis vor kurzem noch die Rechtschreibreform, so diesmal die marktwirtschaftliche Destruktion der Hochschulen. Sicher nicht zu Unrecht - aber warum geht man dann gleich wieder zur Tagesordnung über? Selten kommen wohl so viele sprachgewandte und gelehrte Köpfe zusammen: Was sie alles bewegen könnten, wenn sie nur wirklich wollten!

          Literatur mit Migrationshintergrund

          Doch der Reihe nach: Der Vergabe der Büchner-, Freud- und Merck-Preise geht ja die Tagung voran, die sich diesmal „Positionen des Schreibens in unserem Einwanderungsland“ widmete. Gehört Literatur denn nicht per se zum Weltkulturerbe? Doch nicht derart Grundsätzliches war Gegenstand, sondern die konkreten Erfahrungen solcher deutsch schreibenden Autoren, deren erste Muttersprache nicht das Deutsche ist. Kaum vermeiden ließ sich da wohl der Eiertanz vorauseilender Normalitätsbescheinigung.

          So sprach man hartnäckig von „sogenannter Migrantenliteratur“, betonte, die in Frage kommenden Autoren (da hatte man sehr wohl ein klares Bild im Kopf) seien „ganz selbstverständlich Teil der deutschsprachigen Literatur“. Man hat sich also ein Thema vorgenommen, das eigentlich keines sein darf. In diese Richtung deuten auch die Beiträge von Sasa Stanisic und Marica Bodrozic in der Materialgrundlage der Konferenz: dem jüngsten Band der Zeitschrift „Valerio“, in dem sich Schriftsteller „mit Migrationshintergrund“ dem Thema stellen.

          Eine Tagung, die in Wirklichkeit eine Ehrung ist

          Neu ist die Dialektik von Fremdem und Eigenem nicht, schreibt doch schon Goethe: „Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt.“ Spannend war da gerade die Frage, in welches Verhältnis man sich zu den zentralen philosophischen, psychologischen, soziologischen und ästhetischen Fremdheitstheorien setzen würde. Immerhin befanden sich Kapazitäten wie Harald Weinrich, Odo Marquard, Albrecht Schöne, Kurt Flasch, Ulrich Raulff, Ruth Klüger oder Theodore Ziolkowski im Publikum. Die Antwort fällt leicht: in gar keines. Den theoretischen Gehalt der Herbsttagung unterkomplex zu nennen wäre zu euphemistisch.

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