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Georg-Büchner-Preis 2006 für Oskar Pastior : Der Wortschatzmagier

  • -Aktualisiert am

Oskar Pastior: Formenkünstler und Wortentdecker Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Akademie für Sprache und Dichtung hat entschieden: Oskar Pastior erhält in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis, den wichtigsten deutschen Literaturpreis. Verdient hatte er diese Auszeichnung schon lange. Ein Besuch beim Dichter in Berlin.

          Hinein, hinein in die Welt dieses Wortentdeckers, dieses eifrigen Aufdeckers immer neuer Sprachmöglichkeiten, dieses Reisenden im Buchstabenall, dieses Experimentaldichters, Avantgardisten, Traditionsdichters, Traditionsbewahrers, Formenkünstlers, Vorausdichters, der aus einem einzigen Wort immer neue, immer erstaunlichere Klänge und Bedeutungen herauszupoetisieren vermag, hinein in die Welt des Dichters Oskar Pastior.

          Ein altes Bürgerhaus im Herzen West-Berlins, zwei große Spiegel im Treppenhaus sehen sich an, ein Verleger eilt die Stufen hinab und ruft „Ah, die Ablösung“ und eilt weiter. Zweiter Stock, Pastior öffnet, die Hand schnellt zu einer kraftvollen Begrüßung hervor, sein graues Haar wächst in den Himmel, in der Mitte des Nasenrückens ist eine Lesebrille festgewachsen, über die wache, schnelle Augen in die Welt hinübersehen.

          Fünf dicke Kladden für seine Lager-Geschichte

          Pastior wohnt hier zur Untermiete bei einer Galeristin, seit über zwanzig Jahren schon, in einem Zimmer, in das wir sogleich abbiegen. Bücher, Bücher und jede Menge Leitz-Ordner an den Wänden, seitlich ein flokatibedecktes Bett, in der Mitte ein Schreibtisch mit zwei Schreibmaschinen, dahinter ein leinener Vorhang, der einen Erker abtrennt und mühsam die Sonne aus dem Zimmer drängt. Wir setzen uns an einen Resopaltisch, der Besucher darf auf einer Art Thron aus dunklem Holz Platz nehmen, und Pastior sagt: „Ich hoffe, er wackelt nicht zu sehr.“

          Später wird er erklären, daß auf diesem Stuhl sonst immer die Schriftstellerin Herta Müller sitzt, die wie er aus Rumänien stammt, einmal die Woche sitzt sie hier, so von drei Uhr bis um zehn, und sie schreiben gemeinsam an einem Roman über die Zeit seiner Deportation, als er, im Januar 1945, „auf der Liste“ stand und aus Siebenbürgen in die Sowjetunion deportiert wurde, um fünf Jahre lang in einem Lager im Donbass, in der heutigen Ukraine, in einer Kokserei zu schuften.

          Das schreiben sie auf, das heißt, sie schreibt, er erzählt, fünf dicke Kladden sind schon voll, er holt sie gleich mal her, mit Zeichnungen der Lagerpläne, immer wieder neu, mit blauem Kugelschreiber, ganze Seiten durchgestrichen, lange arbeiten sie schon daran und sind noch lange nicht fertig. Herta Müllers Mutter war in genau so einem Lager, nicht weit von Pastior, sie hat ihr nie davon erzählt. Jetzt erzählt ihr Pastior.

          Mit vierzig ließ er alles zurück

          Er ist ohnehin gerade tief in seine dichterischen Anfänge verstrickt aus der Zeit, damals, als er 1949 in seine siebenbürgische Heimat zurückkehrte, sofort für drei Jahre zur Armee eingezogen wurde und dort das Abitur nachmachte, später als Reporter einer deutschsprachigen Radiosendung arbeitete und zu dichten begann. Das Sprachspielerische, das „Pastiorsche“ all der späteren Dichterjahre stand damals noch nicht im Vordergrund, viele Aufbaugedichte im Sinne des neuen Sozialismus waren dabei, Kompromisse immer wieder, um gedruckt zu werden.

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