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Gentrifizierung : Von einem, der ausziehen sollte

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'„Meiner Straße”, dem Kreuzberger Mehringdamm, hat der Berliner Schriftsteller Jan Peter Bremer das neue Buch gewidmet. Sein Hund heißt übrigens Helga. Bild: Julia Zimmermann

Jan Peter Bremer hat den Roman der Stunde geschrieben: Er erzählt von Entmietung und globaler Obdachlosigkeit in Berlin. Ein neuer Kreuzberger Häuserkampf, dramatisch und nah an der Wirklichkeit.

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          Die Fahrt geht, vom Reichstag, vom Brandenburger Tor kommend, immer geradeaus. Zunächst an der britischen Botschaft vorbei, rechts sieht man das Holocaust-Mahnmal liegen, dann den grauen Block des Finanzministeriums, gegenüber das E-Werk, dann, nachdem man die letzten, beinahe ganz weggeklopften Mauerreste passiert hat, das Tommy-Weissbecker-Haus, das vor fast vierzig Jahren besetzt wurde, gegenüber das Büro der Nicolas-Berggruen-Holding, die Partei-Zentrale der SPD, das riesige Finanzamt von Kreuzberg, das aussieht wie eine Ritterburg aus Pappe.

          Etwas weiter, Ecke Yorckstraße, hatte Gottfried Benn seine Praxis für Geschlechtskrankheiten, in den Häusern davor sind jede Menge billige Hostels, der immer überfüllte Bratwurststand „Curry 36“, der noch überfülltere Imbisswagen „Mustafas Gemüsekebap“, eine Tittie-Bar, der legendäre koreanische Mitsingclub Kims-Karaoke, auf der anderen Straßenseite das Berliner Schwulenzentrum, tausend junge Menschen mit Rucksäcken, türkische Greise, wütende Fahrradfahrer, schnelle BMW, irre Wahlplakate, die dazu aufrufen, Berlin entweder zu verstehen oder aufzuräumen, kühle Sonne, Wind.

          Das ist Kreuzberg hier. Das alte Kreuzberg 61, das Kreuzberg von heute. Wir sind auf dem Mehringdamm, dem der hier lebende Schriftsteller Jan Peter Bremer sein neues Buch gewidmet hat. „Meiner Straße“ steht auf der ersten Seite. Und ab der nächsten Seite beginnt die Reise in ein Wahnsystem. Von der Straße, die Treppe hinauf, unters Dach, in die Wohnung, in den Kopf eines Schriftstellers hinein, in seine Welt. Oder ist es unsere?

          Bremer in seiner Kreuzberger Wohung in den „Sarotti Höfen”
          Bremer in seiner Kreuzberger Wohung in den „Sarotti Höfen” : Bild: Julia Zimmermann

          Ein Gebäude verliert seinen Halt

          Mit einem Brief fängt es an. Eine „Mitteilung an die Mieter“. Nichts Wichtiges vielleicht. Vielleicht doch. Ein amerikanischer Investor habe den Gebäudekomplex gekauft, heißt es da. Kurz darauf sieht man Handwerker im Treppenhaus auf und ab gehen. In der Wohnung unter dem Schriftsteller wird gehämmert, Wände werden weggeschlagen, Stroh hängt aus der Decke – irgendwann hämmert keiner mehr. Das Chaos bleibt so liegen. Als der Schriftsteller einen vorbeieilenden Handwerker fragt, wie und wann es da weitergehe, in der zertrümmerten Wohnung unter ihm, schaut der ihn verständnislos an und sagt, so lange ihm sein Genick lieb sei, setze er in diese Wohnung keinen Fuß mehr hinein. Die Deckenbalken seien total morsch. Irgendwann stürze da alles ein. „Es sei ein regelrechtes Wunder, dass er sich morgens noch als gesunden Menschen im Spiegel betrachten dürfe.“

          Bald schon zeigen sich erste Risse in der Wohnung des Schriftstellers, die Badewanne senkt sich, die Spielzeugautos der Kinder fahren, ohne angeschubst zu werden, von einer Wohnungswand zur anderen. „Wie plötzlich betrunken schien das Gebäude seinen Halt verloren zu haben.“ Doch Rettung naht: Eine Dame der Hausverwaltung kommt vorbei, um mitzuteilen, man könne das natürlich richten lassen, dann müsse man allerdings auch hier in der Schriftstellerwohnung sanieren, was dann aber leider, leider auf eine Verdoppelung der Kaltmiete hinauslaufe.

          Für den Fall, dass man sich das nicht leisten könne, habe sie hier schon mal eine schöne Ausweichwohnung im Angebot, da könnten sie sofort hinüberziehen, leider natürlich viel kleiner als die aktuelle Wohnung, leider natürlich ein bisschen teurer, leider sind Hunde und Kinder dort nicht willkommen. Der Schriftsteller, der mit Frau, Kindern und Hund lebt, schweigt erstaunt, während seine Frau der Hausverwaltungsdame eine glühende Empörungsrede entgegenschmettert, die jene kühl und ungerührt aufzunehmen scheint.

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